CIBEDO-Beiträge 04/2009

Liebe Leserinnen und Leser,

am 29. November 2009 stimmte die Schweizer Bevölkerung in einer Volksabstimmung über das Verbot ab, zukünftig in der Schweiz Minarette zu bauen. Mit einer deutlichen Mehrheit von 57,5 Prozent nahmen die Schweizer die Initiative an. Das Ergebnis kam für die meisten Parteien sowie die Regierung völlig überraschend. Die Wahlbeteiligung war mit rund 54 Prozent unerwartet hoch. In der Schweiz dürfen in Zukunft keine Minarette mehr gebaut werden.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sprach von einer „zunehmenden rassistischen und faschistischen Haltung in Europa“. Angesichts der Lage der Christen und der Kurden in der Türkei hat Erdogan wieder einmal seine Doppelmoral unter Beweis gestellt, die er schon in seiner berühmt-berüchtigten Kölner Rede ausführlich dargelegt hat. Wenn es um die Rechte von Minderheiten geht, sollte der türkische Ministerpräsident besser schweigen als anderen, ausgewiesen demokratischen Ländern Verfehlungen vorzuhalten. Dazu hat er nun absolut keine Veranlassung.

Zu der überraschend hohen Zustimmung zum Minarettverbot hat ganz zweifellos auch das erratische Verhalten des libyschen Diktators Mu’ammar al-Gadhafi beigetragen. Seine Drohungen gegen die staatliche Integrität der Schweiz, seine Geiselnahme zweier Schweizer Geschäftsleute in Libyen, seine Wortbrüche und Revanchegelüste haben in der Schweiz das Gefühl eines ohnmächtig Ausgeliefertseins an einen willkürlichen muslimischen Diktator hervorgerufen. Die Erdogans und Gadhafis sind dem Zusammenleben von Christen und Muslimen in Europa nicht hilfreich.

Auch in Deutschland hat das Schweizer Abstimmungsergebnis zu einer aufgewühlten öffentlichen Diskussion geführt. Zahlreiche Fernsehsendungen mit Zuschauerbeteiligung haben sich mit dem Ergebnis der Volksabstimmung befasst. Die Mehrheit der Zuschauer äußerte Zustimmung und Unterstützung zum Ausgang der Volksabstimmung. Spiegel online und die Bildzeitung veröffentlichten Umfragen zum Thema Minarettverbot in Deutschland. Dabei kamen sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Tatsache scheint jedenfalls zu sein, dass bei einer ähnlichen Abstimmung in Deutschland ein beträchtlicher Anteil ebenfalls für ein Verbot abstimmen würde. Ich persönlich vermute eine Zustimmung in Höhe von 35-40 Prozent. Eine Mehrheit würde die Initiative allerdings ablehnen. Das entnehme ich jedenfalls den öffentlichen Auseinandersetzungen um Moscheebauten in Köln, Frankfurt und Berlin.

Mir fällt immer wieder bei den Unterstützern des Minarettverbots ein eklatanter Widerspruch auf: Da werden einerseits die christlich-abendländischen Werte wie Toleranz, Pluralismus und Menschenrechte betont, die Europa so sehr auszeichnen. Andererseits sollen aber genau diese Werte den Muslimen bei der Gestaltung ihres religiösen Lebens vorenthalten werden. So geht es nicht. Mit Recht verweisen der Vatikan, die katholische und evangelische Kirche in Deutschland auf genau diese christlich-abendländischen Werte, wenn es um das Recht der Muslime auf den Bau würdiger Moscheen geht. Dass in diesem Zusammenhang auf die Gefühle der Wohnbevölkerung Rücksicht genommen werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit.

Wir müssen verstärkt daran arbeiten, dass in der Bevölkerung Verständnis für die religiösen Bedürfnisse der Muslime in unserem Land wächst. Auch das gehört für mich zu den vordringlichen Aufgaben im christlich-islamischen Dialog.
Inhaltsverzeichnis
Editorial

 

Studien

„Das „Fremde“ und das „Eigene“

Islam in Deutschland. Eine neue Bruchlinie als pädagogische Herausforderung

von Manfred Riegger 130

Der Atem der Geschichte. Anmerkungen zur muslimischen Schrifthermeneutik im

Horizont der Menschenrechtsdebatte

von Rüdiger Braun 140

Das getrübte Bild des Christentums in der Türkei

von Etienne Copeaux 147

 

Dokumentation

Grußbotschaften zum Ende des Ramadan 2009

 

  • Vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog, Jean-Louis Kardinal Tauran 157
  • Vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch 159
  • Vom Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber 160

 

Eine Botschaft aus Cadenabbia 161

 

Berichte

Gewalt in Gottes Namen! Wie gehen wir mit der Gewalt in unseren Religionen und in unseren Heiligen Schriften um? Bericht zur Begegnungs- und Dialogtagung für christliche und muslimische Studierende zur Beschäftigung mit Bibel und Koran

von Michael Hörter 163

 

Dialogos-Projekt

Interreligiöse und interkulturelle Dialoge mit Muslimen in Deutschland. Eine qualitative und quantitative Evaluation

von Gritt Klinkhammer 165

Der (verpasste) Streit um das Kreuz. Aktuelles Forum im Haus am Dom anlässlich der Verleihung des hessischen Kulturpreises

von Thomas Nordmann 168

 

Buchbesprechungen

Felix Körner:

Kirche im Angesicht des Islam. Theologie des interreligiösen Zeugnisses

von Rainer Oechslen 171

Barbara Roggema:

The Legend of Segius Bahira. Eastern Christian Apologetics and Apocalyptic in Response to Islam

von Alexander Toepel 174

 

Literaturhinweise 176

 

Neuanschaffungen der CIBEDO-Bibliothek 178

 

Zeitschriftenschau 179