P. Prof. Christian W. Troll SJ: Unterscheiden um zu klären

unterschiedeklaeren

Über Jahrzehnte hat der Jesuitenpater Christian W. Troll zu Themen und Debatten des christlichislamischen Dialogs öffentlich Stellung bezogen. Troll weiß wovon er spricht, wenn er im vorliegenden Band den Fokus auf die verschiedenen Dimensionen des christlich-islamischen Dialogs richtet. Wichtig ist ihm die Klärung und Unterscheidung durch die vergleichende Analyse zentraler Figuren und Lehren der jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Notwendig für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ist für Troll auch die Einschätzung wesentlicher Aspekte des islamischen Glaubens nach den Kriterien der christlichen Theologie, in der er beheimatet ist.

Zum Lebenslauf von Prof. Troll klicken Sie hier.

Kurzbiographie P. Troll

Das Buch ist im Herder Verlag unter der ISBN 978-3-451-29671-0 erschienen und kostet 22,-€.

Rezension von Prof. P. Dr. Felix Körner SJ

Am Ende des Fastenmonats Ramadan 2007 wandten sich 138 muslimische Gelehrte an die Oberhäupter der christlichen Kirchen und erklärten, die Lehre von Islam und Christentum habe einen gemeinsamen Mittelpunkt: Gottes- und Nächstenliebe. Wie ist ein derartiger „Aufruf“ einzuschätzen? Das vorliegende Buch kennt den offenen Brief der Muslime noch nicht; hilft es dennoch zu einer Urteilsbildung?

Christian W. Troll SJ, Professor an der Frankfurter Jesuitenhochschule Sankt Georgen, ist zum gefragten Experten für Islam und christlich-islamische Begegnung geworden. Die ersten 70 Jahre seines Lebenswegs verliefen recht verschlungen. Nach fünf Ausbildungsorten (Bonn, Tübingen, Beirut, Pullach und London) waren die fünf Hauptstationen seines Wirkens vor Frankfurt: Neu Delhi, Birmingham, Rom, Ankara, Berlin. Jeder dieser Orte hat den Autor offenkundig geprägt. Troll kennt das Leben unter Muslimen in der Mehrheitsund in der Diasporasituation. Er kennt Lebensformen und Deutungsweisen des Islam unterschiedlichster Kulturräume. Er kennt seit seinen wegweisenden Studien über Sayyid Ahmad Khan das urdu-sprachige Reformdenken und seit seinen Vorlesungen in der türkischen Hauptstadt ebenso die moderne Theologie auf anatolischem Boden. Er kennt die katholische Theologie als universitäre, als lehramtliche und als gelebte Wirklichkeit. Er kennt schließlich die berechtigten und die überzogenen Sorgen der deutschen Öffentlichkeiten. Diese Erfahrungen scheinen sich bei Troll zu einer Grundhaltung verdichtet zu haben.

Wenn der Verlag Herder nun islambezogene Schriften Trolls aus den letzten 15 Jahren systematisch zusammenstellt, so ist dies hochwillkommen. Denn der Verfasser gibt uns jenes Werkzeug an die Hand, das er sich selbst auf seinem Lebensweg schmieden konnte und das es uns erlaubt, die Herausforderung der interreligiösen Verunsicherungen anzunehmen. Trolls Werkzeug ist das Unterscheiden. Was ist interreligiöses Unterscheiden? Zunächst: Der Jesuit ist seinem Ordensvater Ignatius von Loyola verpflichtet, wenn er, statt apriorisch zu urteilen, Zeit und Mut aufwendet, um genau und neu hinzuschauen. Eine ehrliche Auseinandersetzung kann zu unerwarteten Ergebnissen führen. Aber eine Alternative zu dieser ergebnisoffenen Haltung besteht kaum. Denn: Wer Lösungen will, muß den Dialog wollen (12). Ist die islamische Position bezüglich kontroverser Grundfragen zu präsentieren, kontrastiert Troll tonangebende Muslime des 20. Jahrhunderts miteinander; so, eindrücklich, Hassan al-Banna gegen Fazlur Rahman zur Frage, was „dschihad“ ist (85,89), oder Sayyid Qutb gegen Mohammed Talbi zur Frage der Religionsfreiheit (103,106). Wer in diesem Sinn „unterscheidet“ und nicht bloß Primäremotionen rationalisiert, wagt es auch, Verständnis dafür aufzubringen, daß Muslime bis heute die Kolonialisierung durch westliche Mächte als traumatisch empfinden (50). Und er ist nicht mit schnellen Erklärungen zufrieden, sondern fragt weiter, wenn Krieg im Namen Gottes nur im Verteidigungsfall gebilligt wird: Wann genau ist dieser Fall als eingetreten zu betrachten? (65). Wenn man die ganze islamische Welt als versklavt sieht, dann muß jeder Glaubenskrieger sein (72).

Unterscheiden heißt bei Troll weiterhin, übersehene Differenzierungen klärend einzubringen. So benennt er die Problematik des scheinbaren interreligiösen Konsenses aufgrund pseudo-synonymer Begrifflichkeit. Hier fühlt sich der Theologe Troll gefordert, tiefgehende Divergenzen (29) freizulegen. Unterscheiden wird zur Bereitschaft, sich zu unterscheiden. Das glückt dem Verfasser besonders treffend bei seiner fundamentalen Differenzierung im Offenbarungskonzept. Während sich Gott nach biblischer Sicht in einer einzigen Heilsgeschichte offenbart, nimmt der Koran ein Nebeneinander unabhängiger aber bedeutungsgleicher Interventionen Gottes an (203f.).

Darüber hinaus ist Unterscheiden auch eine Forderung, die den gesellschaftlichen Alltag betrifft. Troll macht sich einen Appell der orientalischen Bischöfe zueigen; mehrheitlich muslimische Länder hätten die religiöse und politische Sphäre so weit auseinanderzuhalten, daß Bildungs- und Medienlandschaft nicht selbstverständlich islamisch sind (248). Denn die Kirchen des Nahen Ostens sehen sich berechtigt und verpflichtet, ihre geschichtliche Verwurzelung auch öffentlich zur Geltung zu bringen.

So tritt schließlich das Verfahren des Unterscheidens als „friedliche Streitkultur, die von einer kritischen Sympathie getragen ist“ (36), hervor, als Nüchternheit (14), die es erlaubt, ohne Verwischung der Differenzen doch ein gemeinsames Ziel auszumachen (35). Es ist zwischen ideologischer Multikulturalität und übergestülpter Assimilation zu suchen; Trolls Zielbeschreibung lautet: „gerechte und friedliche Konvivenz“ (23).

Das Buch gliedert sich in drei Teile, oder besser: Es umkreist die christlich-islamische Begegnung in drei Anläufen. Der erste (eher deskriptive) Anlauf, „Dimensionen des Dialogs“, verortet das interreligiöse Geschehen im Kontext sowohl Deutschlands als auch des weltweiten Islam der Gegenwart und kartiert die Themen. „Unterscheidungen im Glauben“, so der Titel des zweiten (kritischeren) Teils entlarvt modische Einigungsmotive wie das Abrahamische (148) als Augenwischerei. Man könnte Trolls Unterscheidung der jüdischen, christlichen und muslimischen Sicht Abrahams auf die Formel: „Aufbruch, Anbruch und Bruch“ (vgl. 150) bringen.

Der letzte Anlauf setzt (mehr dokumentierend) die Dialogerfahrungen ins Gespräch mit lehramtlichen Texten. Troll praktiziert, was er fordert: das Evangelium mit den „Waffen“ des Evangeliums zu bezeugen (118). Die bestimmt er als „das Leben und Lehren, das den unverfälschten Geist Christi zum Vorschein bringt“, und zwar durch Menschen, die Sünder sind (228). So leitet das Buch zum theologischen Kern des Unterschieds, der nicht ausgrenzend und nicht überheblich einzuschärfen, sondern mutig in Erinnerung zu rufen ist: Als Christ bezeugt man nicht nur Gottes Majestät und Transzendenz, wie es Muslime eindrucksvoll tun (53), man bezeugt auch Gottes „Engagement“, die Bindung Gottes an die Menschen (193). „Die Sorge um Gottes Immunität von Risiko, Beziehung und Mitleiden erweist sich so, christlich betrachtet, ,paradoxer Weise‘ als das eher ,ungläubige‘ Bekenntnis einer falsch verstandenen Einheit“ (194).

So geschult, läßt sich die eingangs gestellte Frage beantworten: Wie ist der „Aufruf“ der 138 muslimischen Religionsgelehrten einzuschätzen? Zunächst handelt es sich um eine erfreuliche Geste, die einem Wunsch nach Brüderlichkeit Ausdruck verleiht. Auch daß der Islam, wie Troll riet (75), bei solchen Schreiben lernt, mehr und mehr mit einer Stimme zu sprechen, ist zu begrüßen. Allerdings läßt sich fragen, ob und wie die Muslime selbst ein Dokument aufnehmen, das Gottes- und Nächstenliebe ins Zentrum des Islam stellt. Zweitens stellt sich die Frage: Was ist Liebe? Dies läßt sich nicht so sehr in Begriffen als im Verweis auf ein Menschenleben zeigen. Wenn Muslime Muhammad als ihr „schönes und gutes Modell“ (Sure 33:21; S. 184) sehen, ist an Muhammads Grundoptionen zu erinnern, die sich deutlich von denen Jesu unterscheiden.

Weiterhin mahnt Troll (14), daß der Dialog immer zu entgrenzen ist auf andere Gesprächspartner hin, die weder Christen noch Muslime sind; so wird man behutsam sein, um sich in einem Gesprächsangebot nicht für eine islamisch-christlichen Allianz gegen andere vereinnahmen zu lassen. Schließlich: Es zeugt von langjähriger Erfahrung, wenn Troll den Leser auffordert (53), Muslime so zu verstehen, wie sie sind – aber auch, wie sie sein möchten. Wenn sie sich in einem weltweit verbreiteten Dokument zu einem Jesuswort, das sie nicht etwa aus dem Koran, sondern aus dem Markusevangelium zitieren, bekennen, ist das ernstzunehmen. Trolls Zeugnis beherzter Besonnenheit ist vorbildlich.

Felix Körner SJ

Erschienen in: Stimmen der Zeit 225 (2007)