Islam-Experte kritisiert türkische Religionsbehörde

Frankfurt (KNA) Der katholische Theologe und Islam-Experte Timo Güzelmansur sieht in dem jüngsten Gutachten der türkischen Religionsbehörde Diyanet zur Gülen-Bewegung auch „problematische Aussagen“ für das Verhältnis zum Christentum. In dem Papier werde die Organisation des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen als „trojanisches Pferd“ bezeichnet, die „im Dienste böser Mächte stehe“, zitierte der Leiter der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) in Frankfurt am Donnerstag im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) aus dem Gutachten. Diese „bösen Mächte“ würden mit den Dialogpartnern der Gülen-Bewegung gleichgesetzt, zu denen auch christliche Vertreter gehören, führte Güzelmansur aus. Zugleich erinnere das Papier an die Koransure 5,51, die gläubigen Muslimen von einem freundschaftlichen Umgang mit Christen und Juden abrate. „Damit macht sich die höchste religiöse Autorität der Türkei eine fragwürdige Sichtweise zu Eigen, die aus wahhabitischen und salafistischen Kreisen bekannt ist“, fasste der Theologe und Islam-Fachmann zusammen. Gülen selbst werde mit lehramtlicher Autorität als christlicher Agent bezeichnet, „der durch den interreligiösen Dialog den muslimischen Glauben zerstören will“. Das bereits am 10. Oktober veröffentlichte Gutachten setzt sich aus 20 Einzelbeschlüssen des Hohen Rats für Religion zusammen. Der Rat ist die höchste religiöse Autorität in der Türkei. Dem Gutachten vorangestellt sind eine Ansprache von Diyanet-Präsident Mehmet Görmez sowie Reden von Präsident Recep Tayyip Erdogan, Parlamentspräsident Ismail Kahraman und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Numan Kurtulmus. Die Spitzenpolitiker hatten Anfang August an einer außerordentlichen Sitzung des Gremiums teilgenommen, auf der die Beschlüsse verabschiedet wurden. Die Anhänger der Gülen-Bewegung, die sich selbst auch „Hizmet“ („Dienst“ oder „Service“) nennt, gelten in der Türkei als Staatsfeinde Nummer eins. Erdogan beschuldigt den im US-amerikanischen Exil lebenden Fethullah Gülen, mit seinen Gefolgsleuten die türkischen Polizei- und Justizbehörden unterwandert und den Militärputsch im Juli angezettelt zu haben. Gülen bestreitet seine Beteiligung am Putsch energisch. Seine schätzungsweise zehn Millionen Anhänger weltweit verfolgten nur religiöse Ziele. Mit Blick auf Berichte über ein angespanntes Verhältnis zwischen in der Bundesrepublik lebenden Gülen-Anhängern und dem deutsch-türkischen Moscheeverband Ditib äußerte sich Güzelmansur besorgt. Es bleibe zu fragen, welche Konsequenzen das Diyanet-Gutachten für das friedliche Miteinander der Religionen in Deutschland mit sich bringe. „Immerhin erklärt es die Gülen-Bewegung unmissverständlich zu einer terroristischen Organisation, die den Islam verrate und daher im Islam keinen Platz mehr habe“, so der Theologe. (KNA – qlmlp-89-00107)