ARD-Reportage über die Hilfe für verfolgte Christen im Irak

Von Heide-Marie Göbbel (KNA) Bremen (KNA) Das Leben nimmt manchmal merkwürdige Wendungen.

Das gilt auch für Jens Petzold. Der Mann aus Berlin-Neukölln ließ sich 1996 in einem orthodoxen Kloster in Syrien taufen, trat in die Gemeinschaft ein. Weil dort das Risiko einer Entführung zu hoch war, wurde er mit sechs Helfern in den Nordirak entsandt, um das verlassene Kloster der Jungfrau Maria von Sulaymaniyya wiederzubeleben.

Dort war es bald vorbei mit dem stillen Klosterleben, wie die Autorin Susanne Brahms erzählt. Plötzlich standen 200 Menschen vor seiner Tür, die dringend Hilfe brauchten. In der „Gott und die Welt“-Reportage „Bleiben oder gehen? Christen im Irak“ erzählt sie vom Schicksal der vertriebenen christlichen Familien und der schwierigen Frage, ob sie in ihre Heimatorte zurückgehen können. Das Erste strahlt den Beitrag am 10. September um 17.30 Uhr aus. Seit 2.000 Jahren leben Christen im Irak. Rund 700.000 waren es zuletzt, doch jetzt droht ihre Geschichte zu Ende zu gehen. Das Kloster der Jungfrau Maria liegt mitten in der Millionenstadt Sulaymaniyya im Nordirak. Ein friedlicher Ort, bewacht von kurdischen Soldaten.

Der ehemalige Postbeamte Pater Petzold – inzwischen Vorsteher des Klosters – und seine kleine Gemeinschaft versorgen dort seit 2014 etwa 60 Familien. Die Vertriebenen übernachteten zunächst auf Kirchenbänken und wurden dann in der Umgebung der Kirche in Containern untergebracht. Dass Petzold eines Tages über Nacht zum Herbergsvater von 200 Leuten werden sollte, hätte er sich nie träumen lassen. Jens Petzold kommt aus einer atheistischen sozialdemokratischen Familie aus Berlin. Aber Glaubensfragen hätten ihn von Kindheit an interessiert, erklärt er.

Seine persönliche Sinnsuche und seine Faszination für fernöstliche Spiritualität führten ihn schließlich in ein entlegenes Felsenkloster in Syrien. Er war fasziniert von dem Ort und einem charismatischen Pater. Petzold ging nach Deutschland zurück, um die Familie zu befragen und zu prüfen, ob seine Faszination länger anhält. Sie hatte Bestand. Pater Petzold kümmert sich vor Ort um alles. Die Autorin begleitet ihn bei seinen alltäglichen Besorgungen. Ein Händler bietet ihm einen großen Rabatt an; der Pater erklärt ihm, dass er das Angebot als indirekten Spendenbeitrag zur Unterstützung der Flüchtlinge ansehe. Er und seine Helfer hätten einen Weg gefunden, die Geflohenen zu versorgen, ohne die Ansässigen zu verärgern, erläutert der Ordensmann seinen Ansatz.

Deshalb hat er auch zahlreiche Hilfsangebote für Lebensmittel und Medikamente aus Europa abgelehnt. Die Mönche hoffen, dass die Spendengelder reichen, um vor Ort einzukaufen, so dass beide Seiten etwas davon haben. Pater Petzold, andere Mönche und Nonnen bilden freiwillige Helfer aus, die kochen, unterrichten und den Geflüchteten bei Problemen helfen. Der Pater und das Filmteam begleiten eine Gruppe vertriebener Christen, die in der heutigen Geisterstadt Qaraqosh ihre ehemaligen Häuser besuchen. Für alle stellt sich angesichts der Zerstörungen die Frage, ob sie dorthin zurückkehren oder sich an einem anderen Ort eine neue Existenz aufbauen sollen. Viele, wie der Amtstierarzt und seine Familie, wollen zurück und den Wiederaufbau beginnen; andere kennen nur den Krieg und zweifeln, ob es jemals Frieden geben wird.

Der Pater trifft auch Mönche, die in Gefangenschaft des sogenannten Islamischen Staates waren und mit dem Leben bereits abgeschlossen hatten. Die Kirchenleute hätten die Frage „Bleiben oder gehen?“ bereits für sich entschieden, erklärt Pater Petzold. Auch er will im Kloster Maria von Sulaymaniyya bleiben. Die Christen im Irak hätten eine ganz wichtige Aufgabe, betont er. Sie könnten mit allen verfeindeten Gruppen reden und durch ihre berufliche Ausbildung einen wichtigen Teil zum Wiederaufbau des Landes beitragen.

Die Autorin und Radio-Bremen-Redakteurin drehte einen eindrucksvollen Film, der nach wenigen Bildern unter die Haut geht. Die Reportage zeigt zugleich, dass die Glaubensgruppen untereinander keineswegs verfeindet sind, sondern sich gegenseitig helfen und auf subtile Weise unterstützen.

(KNA – rksnl-89-00079)