Vision von der einen Menschheitsfamilie

Von Angelika Prauß (KNA) Bonn (KNA) Lange bevor der Schweizer Theologe Hans Küng in den 1990er Jahren für sein Projekt Weltethos warb, hatte ein Perser eine ähnliche Vision: Er warb für einen weltumfassenden Blick auf die Menschheitsfamilie, setzte sich für einen von allen Religionen getragenen Weltfrieden und eine neue soziale Weltordnung ein.

Vor 200 Jahren, am 12. November 1817, wurde Mirza Husayn Ali Nuri in Teheran geboren. Doch bekannter ist der Gründer der Bahai-Religion unter seinem religiösen Ehrentitel Baha’u’llah („Herrlichkeit Gottes“). Er entstammte einer reichen Familie aus dem Nordiran. Statt ein sorgloses Leben zu führen, widmete er sich der Armenfürsorge und spirituellen Fragen. 1844 schloss er sich dem Babismus an und wurde 1852 nach einem Attentat durch irregeleitete Anhänger des Bab auf den Schah eingekerkert. Während dieser Kerkerzeit hatte er seine Offenbarungsvision. Insgesamt verbrachte Baha’u’llah 40 Jahre in Gefangenschaft und Verbannung. Er wurde zur führenden Gestalt bei der Wiederbelebung des Babismus.

Er beanspruchte für sich, Träger einer neuen Religion in der Nachfolge des Islam zu sein. Gestärkt durch seine Offenbarungserlebnisse in der Kerkerhaft erklärte Baha’u’llah 1866 seinen Anspruch, der neue Gesandte Gottes zu sein. Die ihm vorausgegangenen Propheten wie Buddha, Moses, Jesus und Mohammed sah er als „göttliche Leuchten“, wie es im Kitab-i-Iqan, dem „Buch der Gewissheit“, heißt. Diese seien „Spiegel des Lichtes göttlicher Einheit, in welchem Zeitalter und Zyklus sie auch aus den unsichtbaren Wohnstätten altehrwürdiger Herrlichkeit in diese Welt herabgesandt waren, um die Menschenseelen zu erziehen…“ Jeder der Propheten sei ein „Gesandter jenes vollkommenen Königs“ und solle jeweils den Plan Gottes mit den Menschen der jeweiligen Zeit, entsprechend ihres Fassungsvermögens offenbaren. Vor Überheblichkeit gegenüber anderen Religionen bewahrt die Aussage: „Kein Verstand kann die Natur Seiner Offenbarung begreifen, noch kann irgendeine Erkenntnis das volle Maß Seines Glaubens fassen.“

Das mystische „Buch der Gewissheit“ gilt als Musterbeispiel persischer Prosa. Diese und andere von Baha’u’llah verfassten Schriften wurden bald als Offenbarungen Gottes angesehen und bilden die Grundlage der Bahai-Religion. Zunächst ging es darin um ethische, mystische und lehrhafte Themen. Später rief er unter anderem zur Errichtung des Weltfriedens und einer sozialen, neuen Weltordnung auf. Heute betonen die Bahai das Verbindende unter den Religionen und Menschen. „Wir sollten deshalb lernen, das Einende – und nicht die Unterschiede, Gräben und Konflikte – zu sehen“, erklärt Ingo Hofmann, der Sprecher der deutschen Bahai-Gemeinde. Diesen „Lernprozess“ voranzutreiben sei ein Grundanliegen der Bahai.

Die Bahai-Gemeinschaft wachse kontinuierlich, „in dem Maße wie das Bewusstsein dafür, dass die Erde und die Menschheit eine neue Ausrichtung benötigen und im geistigen Sinn eine Einheit ist“, so Hofmann. Bahai setzen sich unter anderem für Frieden, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, den Abbau von rassischen, nationalen und religiösen Vorurteilen sowie für die Abschaffung der Extreme von Reichtum und Armut ein. Eine Besonderheit der Religionsgemeinschaft ist das Fehlen eines Klerus. „Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch einen direkten Zugang zu Gott hat“, erläutert der BahaiSprecher. Demokratisch gewählte Gremien leiten die Gemeinden. Zentrales Ereignis ist das sogenannte 19-Tage-Fest zu Beginn eines 19 Tage umfassenden BahaiMonats. Gemeinden organisieren außerdem private Andachtsversammlungen, bei denen aus verschiedenen religiösen Schriften gelesen wird. Explizit sind hierzu auch Andersgläubige eingeladen, um im Kleinen an der Einheit der Menschheit mitzuwirken. Bereits 1912 formulierte Baha’u’llahs Sohn Abdul Baha basierend auf der Lehre seines Vaters zwölf ethische Grundsätze, an die Hans Küngs spätere Ideen eines „Weltethos“ erinnern.

Demnach müsse die Menschheit zu einer echten Gemeinschaft zusammenwachsen, „um Herausforderungen zu meistern – nicht nur im geistig-spirituellen Sinn, sondern auch gesellschaftlich und politisch“, erläutert Hofmann. Diese Gedanken seien Anfang des 20. Jahrhunderts aber nur von den wenigsten Zeitgenossen verstanden worden. Als Küng dann in den 1990er Jahren seine Thesen formulierte, sei die „Akzeptanz eines gemeinsamen ethischen Fundamentes“ schon größer geworden. „Die Erkenntnis, dass die Religionen einander nicht mehr Feind sein dürfen, sondern einander verstehen sollten, lag quasi in der Luft“, so Hofmann. Küng habe diese Entwicklung aufgegriffen.

(KNA – rlkko-89-00105)