Eine Passauer Debatte mit Vertretern von Glaubensgemeinschaften

Von Barbara Just (KNA) Passau (KNA) Die Reformationsfeierlichkeiten sind vorbei, der Alltag ist zurück.

So mag es dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, wohl vorgekommen sein, als er am Montagabend im Passau an einem Podium der Reihe „Menschen in Europa“ teilnahm. Die „Passauer Neue Presse“ hatte geladen. Um Integration und Glaubenswandel sollte es gehen und die damit verbundenen Anforderungen an die Kirchen. Was dabei herauskam, war ein permanentes Ansprechen von Themen. Um in die Tiefe zu gehen, um vielleicht wenigstens mal nach Lösungen zu suchen, blieb keine Zeit. Der bayerische Landesbischof dagegen war permanent in der Situation, sich rechtfertigen zu müssen – etwa was die Kirchen gegen die hohen Austrittszahlen täten. Der gleichfalls geladene Ex-Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, musste sich in Sachen wiederverheirateter Geschiedener die Frage gefallen lassen, ob denn Papst Franziskus liberaler sei als er. Der Historiker Michael Wolffsohn wiederum verteidigte seine These von der „Heidenrepublik Deutschland“.

Ein Großteil der Bundesbürger habe keine Ahnung, was an Weihnachten gefeiert werde. Freilich nahm er von solch religiösen Wissenslücken auch die jüdische Gemeinschaft nicht aus. Und dann war da noch der ägyptisch-deutsche Politologe Hamed Abdel-Samad. Ob seine Gastgeber ihn schon gegoogelt hätten, hatte er einmal gefragt, als er zu einer Runde nach Wien geladen war, wo Schöngeister über den Toleranzbegriff in Lessings „Nathan der Weise“ diskutierten. Denn: „Ich stelle immer kritische Fragen, weil Dialog Ehrlichkeit bedeutet.“ Diesem Ruf wurde er auch dieses Mal gerecht. So griff er die Kirchen an, den politischen Islam in Deutschland zu hofieren. Als er zuletzt den EKD-Ratsvorsitzenden damit konfrontierte, dass dieser und Kardinal Reinhard Marx bei ihrem Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Bischofskreuze abgenommen hätten, stöhnte Bedford-Strohm: „Und das auch noch!“  Zugleich bot der Landesbischof Abdel-Samad aber an, die Angelegenheit mit ihm persönlich zu erörtern, nach der Debatte. Zu oft schon hat er zuvor öffentlich den Sachverhalt erläutert, ebenso wie Marx; beide verweisen stets auf die politisch angespannte Situation zu diesem Zeitpunkt. Angesichts der zunehmenden Säkularisierung in Deutschland waren sich der Landesbischof und Kardinal Müller indes einig, dass es weiter Aufgabe der Kirchen sei, die Frohe Botschaft zu verkünden.

Eine Alternative dazu gebe es nicht, so Müller.  Heftig wurde es, als Wolffsohn und Abdel-Samad die Kirchen auf ihre rein spirituellen Aufgaben zurückverweisen wollten. Aus der Politik sollten sie sich raushalten. Manche Zuhörer goutierten dies mit Applaus. Deutlich mehr Zustimmung aus dem Publikum kam, als Bedford-Strohm darauf verwies, dass zum christlichen Glauben die radikale Liebe zur Welt gehöre. Der Christ habe auch den Auftrag zu handeln, etwa gegen ungerechte Handelsströme zu kämpfen oder für eine gesunde Umwelt. Müller verwies auf die lateinamerikanische Theologie der Befreiung: „Wir können nicht sonntags von Gott reden und am Werktag so tun, als ob es Gott nicht gäbe.“ Spannend: Abdel-Samad warf den Kirchen in Deutschland vor, zu sehr auf Verbände wie etwa die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) zu setzen.

Doch das Ziel dieses politischen Islam sei nicht Integration. Er verstecke sich vielmehr hinter den Kirchen und nutze „Grauzonen“ im deutschen Grundgesetz, um seine eigene Infrastruktur aufzubauen. Bedford-Strohm erwiderte, das Problem sei erkannt; es würden bereits kritische Gespräche geführt, auch angesichts der Lage in der Türkei. Fünf Millionen Muslime lebten in der Bundesrepublik, erinnerte der Politologe Abdel-Samad; die wenigsten gehörten einer Organisation an. Bedford-Strohm hätte dazu gern mehr erfahren. Doch es drängte wieder die Zeit. So bleibt die Frage offen, wer in Sachen Integration von Muslimen der richtige Gesprächspartner ist.

(KNA – rllkr-89-00001)