Weltgebetstreffen der Religionen in Assisi

Bischof Wilmer: „Nur wer im Inneren abrüstet, kann auch nach außen hin die Logik der Gewalt durchbrechen“
Vor 40 Jahren, am 27. Oktober 1986, hat Papst Johannes Paul II. namhafte Repräsentanten der Kirchen und Weltreligionen eingeladen, in Assisi für den Frieden zu beten. Diese Geste verfehlte ihre Wirkung nicht: In der Folge fand jährlich ein solches Gebetstreffen statt, das in der Verantwortung der Gemeinschaft von Sant’Egidio in Rom liegt. Heute (25. Oktober 2026) beginnt das Welttreffen erneut in Assisi, zu dem mehr als 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet werden, darunter rund 380 Persönlichkeiten aus Religion, Kultur und Politik, die aus 53 Ländern kommen. Das Treffen steht unter dem Leitwort „Entwaffneter und entwaffnender Friede“.
Nach der Eröffnung am 25. Oktober 2026 konzentriert sich das Treffen am Montag (26. Oktober 2026) und Dienstag (27. Oktober 2026) auf die Arbeit in thematischen Foren zu aktuellen Themen, darunter Fragen des Dialogs der Religionen, des Schutzes der Menschenwürde sowie Debatten zum Frieden und technischen Fortschritt. Den Abschluss des Treffens bilden am Dienstagabend zunächst die Friedensgebete der einzelnen Religionen an verschiedenen Orten in Assisi. Danach kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, um eine Botschaft für den Frieden in der Welt zu unterzeichnen.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Heiner Wilmer, würdigt die 40 Jahre Friedensarbeit, die damals in Assisi begannen: „Die Welt stand im Schatten des Kalten Krieges und des atomaren Wettrüstens. In dieser gefährlichen Lage versammelte Papst Johannes Paul II. Menschen unterschiedlichen Glaubens, die ein gemeinsames Anliegen verband: beten für den Frieden. Sie kamen nicht, um religiöse Unterschiede zu verwischen. Vielmehr betete ein jeder auf seine Weise“, so Bischof Wilmer. Papst Johannes Paul II. habe dafür eine einfache Formel geprägt, die bis heute ihre Wirkung entfaltet: „beieinander sein, um zu beten“ (stare insieme per pregare). Bischof Wilmer: „Wer neben dem Anderen betet, entdeckt, dass auch dieser vor Gott ein Suchender ist. Daraus kann Vertrauen wachsen – und aus Vertrauen die Kraft zum gemeinsamen Handeln.“ Gleichzeitig erinnerte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz an die Bedenken, die auch innerhalb der Kirche gegen das Gebetstreffen vorgebracht worden seien: „Doch Johannes Paul II. hielt an seiner Vision fest. Er sah darin eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Öffnung gegenüber den anderen Religionsgemeinschaften. Und er erkannte einen klaren Auftrag: Die Religionen sollen nicht Teil der Konflikte sein, sondern gemeinsam einem nachhaltigen Frieden den Weg bereiten.“
40 Jahre später, so Bischof Wilmer, sei diese Friedensbitte wieder besonders dringlich geworden: „Brutale Angriffskriege sind auf die Bühne der Weltpolitik zurückgekehrt, bewaffnete Konflikte nehmen zu. Und allzu oft wird auch der Name Gottes als Rechtfertigung für Gewalt missbraucht. Dem müssen wir als gläubige Menschen entschieden entgegentreten. Denn wir wissen: Frieden beginnt im eigenen Herzen. Nur wer im Inneren abrüstet, kann auch nach außen hin die Logik der Gewalt durchbrechen.“ Der Geist von Assisi sei kein Erinnerungsstück, sondern ein bleibender Auftrag. „Von Herzen lade ich die Gläubigen der verschiedenen Religionen in unserem Land dazu ein, für den Frieden zu beten. Lassen Sie uns beieinander sein, um zu beten – verbunden mit zahlreichen Menschen auf der ganzen Welt“, so Bischof Wilmer.
Hintergrund
Die Geschichte der Friedenstreffen nach dem Beginn in Assisi vor 40 Jahren und die Bedeutung der Religionen für den Frieden zeichnet der Gründer der Gemeinschaft von Sant’Egidio, Andrea Riccardi, nach. Von ihm ist jetzt das Buch Ein historischer Tag in Assisi. Wendepunkt für die Religionen und den Frieden im Verlag Echter (Würzburg) erschienen.
Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist heute in mehr als 70 Ländern der Welt vertreten. Gebet, die Armen und der Friede bilden die Mitte ihres Lebens. Friedensarbeit versteht die Gemeinschaft als christliche Verantwortung, verbunden mit dem Einsatz für Versöhnung und Geschwisterlichkeit, für Ökumene und interreligiösen Dialog.
Bild: Copyright Deutsche Bischofskonferenz / Matthias Kopp