Münster will zum Leuchtturm der Islamischen Theologie werden
Erste Fakultät Europas
Die erste islamisch-theologische Fakultät Europas setzt auf wissenschaftliche Unabhängigkeit und internationale Strahlkraft. Aber die Debatte um den Einfluss der Islamverbände geht weiter.
Von Christoph Schmidt (KNA)
Münster (KNA) Wird Münster für die islamische Theologie in Europa einmal ähnliche symbolische Bedeutung haben wie die Lutherstadt Wittenberg für die Reformation? Mit der Erhebung des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) zur ordentlichen Fakultät, der ersten ihrer Art in Europa, schreibt die Universität Münster zumindest Wissenschaftsgeschichte.
Die offizielle Gründung am Mittwoch bedeutet weit mehr als einen Verwaltungsakt – und dürfte auch den Einuss des organisierten Islams in Deutschland auf die universitäre Ausbildung neu vermessen. Die Entscheidung markiert einen Meilenstein für ein Fach, das in Deutschland noch jung ist.
Erst vor gut eineinhalb Jahrzehnten begannen Bund und Länder, islamische Theologie an staatlichen Universitäten aufzubauen. Ziel war, muslimische Religionslehrkräfte und wissenschaftlichen Nachwuchs im eigenen Land auszubilden und eine wissenschaftlich fundierte islamische Theologie zu etablieren – vergleichbar mit den evangelischen und katholischen Fakultäten.
Für den Münsteraner Islamtheologen Mouhanad Khorchide erönet der neue Status neue wissenschaftliche Perspektiven. Unsere akademische Unabhängigkeit und Reichweite wächst dadurch, sagt der künftige Dekan. Die Fakultät könne künftig eigenständig promovieren, leichter Drittmittel einwerben und neue Forschungsschwerpunkte setzen.
Als Profil nennt Khorchide unter anderem eine Public Theology, die sich mit religiösen Fragen zu Themen wie Sexualität, Umweltschutz oder Extremismus beschäftigt. Auch ein Studiengang Islam und soziale Arbeit für angehende Seelsorger ist geplant. Doch anders als die christlichen Kirchen verfügt der Islam in Deutschland über keine einheitliche Organisationsstruktur.
Es gibt keine Instanz, die für alle Muslime sprechen oder verbindlich über Glaubensfragen entscheiden könnte. Deshalb entwickelten die Bundesländer unterschiedliche Modelle, um die konfessionelle Anbindung der universitären Theologie zu sichern. In Nordrhein-Westfalen wacht ein Beirat mit Vertretern muslimischer Religionsgemeinschaften darüber, während andere Länder teils andere Lösungen gewählt haben.
Münster spielte in dieser Entwicklung von Anfang an eine besondere Rolle. Das 2012 gegründete Zentrum entwickelte sich rasch zu einem der wichtigsten Standorte islamischer Theologie in Deutschland. Bundesweit bekannt wurde es vor allem durch Khorchide, der mit seiner historisch-kritischen Koran-Auslegung heftige Debatten auslöste.
„Das ZIT hat von allen Standorten die deutsche Islamdebatte der letzten Jahre vielleicht am stärksten geprägt“, sagt er. Gemeinsam mit den katholischen und evangelischen Fakultäten solle nun ein „Campus der Religionen entstehen, auf dem der interreligiöse Dialog eine ganz neue Qualität entfalten kann“.
Die Umwandlung in eine Fakultät stärkt zugleich die akademische Selbstständigkeit. Fakultäten entscheiden eigenständiger über Berufungen, Studiengänge und ihre wissenschaftliche Entwicklung. Damit wird die islamische Theologie in Münster institutionell den christlich-theologischen Fakultäten gleichgestellt.
Ganz gelöst ist die Frage nach dem Einuss der Islamverbände allerdings nicht. Der konfessionelle Beirat bleibt bestehen. Khorchide betont jedoch, „auf Lehrinhalte, Koran-Auslegung und Personalentscheidungen“ habe das Gremium „keinen Einfluss“. Ein Vetorecht bestehe lediglich, wenn grundlegende Glaubenslehren infrage gestellt würden.
Zugleich macht der Theologe keinen Hehl daraus, dass er sich langfristig ein anderes Modell wünscht: Ich wäre froh, wenn es das Beiratsmodell nicht gäbe. Die Spannungen reichen über institutionelle Fragen hinaus.
„Tatsächlich gibt es eine Kluft zwischen moderner Islamtheologie und dem traditionellen Islamverständnis vieler Moscheegemeinden“, sagt Khorchide. Während viele Prediger Koran und Sunna wörtlich auslegten, verstehe die universitäre Theologie beide Quellen historisch. „Wir wollen aber kein Selbstgespräch in der akademischen Blase, sondern Menschen für ein zeitgemäßes Islamverständnis erreichen.“
Mit der neuen Fakultät verbindet Khorchide deshalb auch internationale Erwartungen: „Ich hoffe, dass die Fakultät weit über Deutschland und Europa hinaus Impulse setzen wird“. Ob Münster damit tatsächlich zu einem prägenden Ort der islamischen Theologie in Europa wird, dürfte sich allerdings erst in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zeigen.
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