CIBEDO-Beiträge 2/2026 ist im Druck
Liebe Leserinnen und Leser,
vor 30 Jahren wurden sieben Trappistenmönche aus dem Kloster Tibhirine in Algerien ermordet aufgefunden. Ihr Schicksal steht bis heute für ein bleibendes geistliches und gesellschaftliches Zeugnis: den gelebten christlich-islamischen Dialog. Die Mönche lebten bewusst in enger Nachbarschaft zur überwiegend muslimischen Bevölkerung im Norden Algeriens. Ihr Alltag war geprägt von konkreter Hilfe, gegenseitigem Respekt und einer stillen, verlässlichen Präsenz.
Sie verstanden ihr Leben nicht als Abgrenzung, sondern als Brücke zwischen Christentum und Islam, getragen von der Überzeugung, dass alltägliche Begegnungen ideologische Trennungen über winden. Auch in der eskalierenden Gewalt der 1990er Jahre entschieden sie sich bewusst zu bleiben. Sie verzichteten auf militärischen Schutz und blieben bei den Menschen. Diese Entscheidung war Ausdruck einer tiefen Glaubensüberzeugung. Das Leben mit den muslimischen Nachbarn hatte für sie Vorrang vor politischer Eskalation und Angst. Damit setzten sie ein eindrückliches Zeichen für Vertrauen, Solidarität und Dialogbereitschaft.
Ihr gewaltsamer Tod im Kontext des algerischen Bürgerkriegs wurde weltweit wahrgenommen. Bis heute ist das Vermächtnis von Tibhirine ein Beispiel dafür, dass der christlich-islamische Dialog nicht primär in akademischen oder institutionellen Kontexten stattfindet, sondern im konkreten L eben von Menschen, die bereit sind, Nähe zuzulassen und Vertrauen zu wagen.
Diese Perspektive ist auch heute aktuell. Der christlich-islamische Dialog steht heute vielerorts unter Druck: Politische Instrumentalisierungen von Religion, gesellschaftliche Polarisierungen und die Tendenz, komplexe Realitäten zu vereinfachen, erschweren differenzierte Begegnungen. Umso wichtiger ist es, Räume des Dialogs zu bewahren, die nicht von Abgrenzung, sondern von der Suche nach gegenseitigem Verständnis geprägt sind.
Die in dieser Ausgabe versammelten Beiträge greifen diesen Anspruch auf unterschiedliche Weise auf. Martin Accad plädiert für eine kritische Reflexion gängiger Opferdiskurse im Libanon und eröffnet damit einen neuen Blick auf religiöse Selbstwahrnehmungen. Guy-Raymond Sarkis ordnet zeitgenössische arabisch-muslimische Deutungen des Konzils von Nizäa historisch und theologisch ein. Carolin Hochstuhl stellt die Gedankenwelt von Abdennour Bidar vor und diskutiert dessen Anspruch, zentrale Motive der christlichen Botschaft mitzudenken, kritisch.
Einen besonderen Akzent setzt die Ansprache von Papst Leo XIV. an das diplomatische Korps in Algier. Darin deutet er den Begriff der ṣadaka, die freiwilligeder freiwilligen Wohltätigkeit im Islam, als Ausdruck radikaler Gerechtigkeit: Gerecht ist nicht, wer anhäuft, sondern wer teilt; wer im anderen das Abbild Gottes erkennt und sich der Verantwortung für Solidarität und Barmherzigkeit stellt. „Eine Religion ohne Barmherzigkeit und ein gesellschaftliches Leben ohne Solidarität bleiben letztlich unvollständig“, so der Papst.
Gerade vor diesem Hintergrund bleibt die Erinnerung an Tibhirine mehr als nur ein historisches Gedenken. Sie ist eine Einladung, den christlich-islamischen Dialog nicht einzuengen, sondern als gelebte Verantwortung zu begreifen. Wo Begegnung gelingt, wächst Vertrauen. Und wo Vertrauen wächst, wird Frieden möglich.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude bei der Lektüre dieses Heftes
Ihr Timo Güzelmansur
Inhalt
Studien
Christen und Muslime jenseits von Viktimisierung. Eine Fallstudie aus dem Libanon
Martin Accad
Der Mensch als Erbe Gottes. Abdennour Bidars muslimische Anthropologie
Carolin Hochstuhl
Das erste Konzil von Nizäa (325) in zeitgenössischen arabisch-muslimischen Deutungen
Guy-Raymond Sarkis
Dokumentation
Grußwort von Papst Leo XIV. an das algerische Volk beim Märtyrerdenkmal Maqām aš-Šahīd
Algier, 13. April 2026
Ansprache von Papst Leo XIV. während der Begegnung mit Repräsentanten des Staates, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps
Algier, 13. April 2026
Auszüge aus der Enzyklika Magnifica Humanitas über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz
Rom, 15. Mai 2026
Botschaft zum Ramadan und ʿId al-Fitr des Dikasteriums für den interreligiösen Dialog, 1447H./2026 A.D.
Vatikanstadt, 17. Februar 2026
Grußbotschaft des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zum muslimischen Fastenmonat Ramadan 2026
Bonn, 17. Februar 2026
Grußbotschaft der amtierenden EKD-Ratsvorsitzenden zum Fastenmonat Ramadan 2026
Hannover, Februar 2026
Grußbotschaft des Bundespräsidenten zum Fest des Fastenbrechens 2026
Berlin, 19. März 2026
Berichte
Was klingt im Koran? Ein Projekt der Alhambra Gesellschaft und der Katholischen Akademie in Berlin e.V., Berlin, 2025
Katrin Visse
Kein gutes Ende? Theologien der Zeit und Geschichte in Islam und Christentum. Theologisches Forum Christentum – Islam, Stuttgart-Hohenheim, 13.–15. Februar 2026
David Johann Deselaers
Buchbesprechungen
Mathiesen, Asbjørn: Verfassungskonforme Islamismusprävention. Im Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit, staatlicher Neutralität und effektiver Gefahrenvorsorge
Sebastian Prinz
Sammelrezension:
Jürgasch, Thomas/Karimi, Ahmad M.: Jesus – Gottes Sohn? Ein interreligiöses Gespräch zum Konzil von Nizäa
Neuwirth, Angelika/Khorchide, Mouhanad/ Hartwig, Dirk: Nizänum und Islam. Debatten des Nizänums in koranischen Suren
von Stosch, Klaus: Trinitätstheologie. Grundlegung und interreligiöse Perspektivierung
Dirk Ansorge