CIBEDO-Beiträge 3/2026 ist im Druck

Liebe Leserinnen und Leser,

der interreligiöse Dialog steht heute in einem besonderen Spannungsfeld: Er ist notwendiger denn je und zugleich mit Herausforderungen konfrontiert, die seine Formen und institutionellen Voraussetzungen neu zur Diskussion stellen. Politische Polarisierungen, islamistischer Terrorismus, Antisemitismus, antimuslimische Ressentiments und die Dynamik digitaler Räume prägen das gesellschaftliche Umfeld, in dem Religionsgemeinschaften miteinander ins Gespräch kommen und Verantwortung übernehmen.

Im Zentrum stehen dabei einige Entwicklungen, die derzeit das Verhältnis von Religion, Gesellschaft und Zusammenleben prägen. Die aktuellen Debatten über den Schutz vor islamistischem Terrorismus zeigen, dass Fragen von Sicherheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Religionsfreiheit eng miteinander verbunden bleiben. Zugleich ist eine differenzierte Betrachtung notwendig, die zwischen religiöser Praxis, Islamismus und gewaltorientierten Ideologien unterscheidet.

Mit dieser Ausgabe führen wir die neue Rubrik „Resonanz“ ein. Sie soll in einem pointierten Beitrag aktuelle Entwicklungen und Themen aufgreifen und einordnen, die für das Verhältnis von Christentum, Islam, Gesellschaft und Staat von Bedeutung sind. Damit möchten wir die CIBEDO-Beiträge zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen noch stärker als Ort der wissenschaftlich fundierten Reflexion aktueller Fragen profilieren.

Ein Schwerpunkt des Heftes liegt auf dem Verhältnis von Islam und Judentum sowie der Frage nach muslimischem Antisemitismus. In einer vielfach emotional geführten Diskussion stiftet der Beitrag von Andreas Renz Versachlichung. Er beleuchtet religiöse, historische und politische Dimensionen von Judenfeindschaft in islamischen Kontexten und nimmt Koran, Sunna und Sīra in den Blick. Die Auseinandersetzung wird in der kommenden Ausgabe fortgeführt. Die Erklärung „Ein Weg der Hoffnung“ erinnert daran, dass interreligiöser Dialog keine vorübergehende Initiative, sondern eine kontinuierliche Aufgabe der Kirche ist.

Drei Dikasterien führen darin den Weg von Nostra aetate weiter und greifen auch die Prägung des Dialogs durch Papst Leo XIV. auf. Kontinuität bedeutet dabei nicht Stillstand, sondern die fortwährende Suche nach tragfähigen Formen von Begegnung und Zusammenarbeit. Dass hierfür auch professionelle und institutionell verankerte Strukturen notwendig sind, zeigt der Bericht über
die Islamberatung. Nach ihrer erfolgreichen Etablierung in zwei Bundesländern wird dieser Ansatz inzwischen auf den DACH-Raum ausgeweitet und perspektivisch europäisch weiterentwickelt. Interreligiöser Dialog braucht neben persönlicher Begegnung auch belastbare Netzwerke, fachliche Kompetenz und institutionelle Strukturen.

Schließlich richtet sich der Blick auf eine Herausforderung, die alle gesellschaftlichen und religiösen Akteure betrifft: die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz. In seiner Enzyklika Magnifica humanitas fragt Papst Leo XIV. danach, wie die Würde des Menschen im Zeitalter der KI bewahrt werden kann. Auch aus muslimischer Perspektive werden hierzu Anknüpfungspunkte für Sozialethik und interreligiösen Dialog sichtbar, wie Ramazan Özgü ausführt. So verbindet diese Ausgabe unterschiedliche Themen
durch eine gemeinsame Frage: Wie können Religionen in einer sich tiefgreifend verändernden Gesellschaft Verantwortung übernehmen? Die Beiträge des Heftes geben darauf unterschiedliche Antworten und zeigen zugleich, worauf es ankommt: kritisch zu bleiben, dialogbereit zu sein und interreligiöse Arbeit institutionell weiterzuentwickeln.

Viel Freude bei der Lektüre
Ihr Timo Güzelmansur

Inhalt

Studien

Magnifica Humanitas und das Potenzial für den interreligiösen Dialog
Ramazan Özgü

Formen der Judenfeindschaft in islamischen Kontexten. Religiöse, geschichtliche und politische Aspekte Teil I: Juden und Judentum in Koran, Sunna und Sira
Andreas Renz

Resonanz

Grundrechte und Menschenbildung. Anmerkungen zur Kemanis Rede zum 20. Juli 2026
Dirk Ansorge

Dokumentation

Auszüge aus den Ansprachen von Papst Leo XIV. während der apostolischen Reise nach Spanien
Spanien, 6.-12. Juni 2026

Segensgrüße der DBK an Aleviten zum Muharrem-Fasten und Asure-Fest 2026
Bonn, 16 Juni 2026

Ein Weg der Hoffnung. Sechzig Jahre Dialog und interreligiöse Geschwisterlichkeit
Rom, 22. Juni 2026

Berichte

Islamberatung im DACH-Raum, Brückenbauen in der Kommune
Hussein Hamdan, Tim Florian Siegmund und Stefan Zinsmeister

Verlockender Fundamentalismus. Kontinuität und Paradigmenwechsel in der Forschung und der Prävention von Islamismus, Münster, 25.-25. Juni 2026
Sebastian Prinz

Of Priests and Sufis: Revisiting Catholic Scholarship on Islamic Mysticism, Kairo, 6.-7. Juni 2026
Martino Diez

„Outsiders Within“ in Solidarität. Zur Methode komparativer feministischer Theologie, 4. Annemarie-Schimmel-Lectures, Bonn 8.-10. Juni 2026
Abdul Basit Zafar und Mariam M. Shehata

Buchbesprechung

Kaltenbrunner, Stefan/Neuhold, Clemens: Allahs mächtige Influencer. Wie TikTok-Islamisten unsere Jugend radikalisieren
Sebastian Prinz

Sammelrezension: Karimi, Ahmad Milad: Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung
Khorchide, Mouhanad: Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle
Ralf Lange-Sonntag