Der Mann der klaren Worte. Pater Christian Troll SJ ist ein praktischer Islamwissenschaftler

Zwei Dinge zeichnen Pater Christian Troll aus. Er ist ein Mann der klaren Worte, die Auseinandersetzung gehört für ihn zum Dialog dazu. Und er konnte gar nichts anderes als Priester werden. Das kam so: Pater Troll war schon während der  „vermutlich wichtigsten Zeit im Leben“ im Katechismusunterricht mit dabei. Nur nicht als Schüler, denn er war überhaupt noch nicht geboren. Die Schulbank drückte damals, 1937 in Berlin-Charlottenburg, seine Mutter. Sie bereitete sich auf die Konversion zur Katholischen Kirche vor, als sie mit ihm schwanger war. Schon deswegen war er „prädestiniert“, ein Mann der Kirche zu werden.

Islamwissenschaftler und Theologe – Pater Troll ist seit 2001 in Sankt Georgen. Davor ist er in der ganzen Welt herumgekommen, ging als junger Mann nach Beirut, hat immer wieder neue Sprachen gelernt, musste sich jedes Mal auf eine neue Situation einstellen und auf neue Menschen. Um die geht es ihm. „Den Islam zu kennen, ist wichtig für uns“, wurde ihm nicht nur einmal gesagt: „Mach das.“ Pater Trolls Dialogbereitschaft, sie spiegelt sich auch in den vielen Stationen seines Lebens wider. Sie führte ihn in den Nahen Osten, nach Südasien, nach Großbritannien, nach Rom und in die Türkei – manchmal war er selbst erstaunt, wie ihm der Weg geebnet wurde.

Die Keimzelle für seinen Drang, über den Tellerrand zu schauen, barg sein Elternhaus. Sein Vater, Carl Troll, war ein angesehener Hochgebirgsforscher und Geograph und weltweit unterwegs. Bei der Geburt des Sohnes – am Weihnachtsmorgen, als die Glocken zum Hirtenamt läuteten, wie die Mutter immer erzählte – nahm er gerade an einer deutschen Expedition auf den Nanga Parbat im Himalaya teil. Auch die Mutter war Geographin. Das prägte: „Das ganze Haus war voller Wandkarten,  Bücherregale und Sonderdruckkästen. Meine Eltern waren international eingestellt.“ Regelmäßig waren zum Abendessen Gäste aus aller Welt da, die Kinder, sie waren zu neunt, saßen selbstverständlich mit am Tisch. Vor und nach  dem Essen wurde gebetet. „Meine Eltern waren keine Frömmler, aber sie hatten Grundsätze.“ Das Tischgebet zählte dazu, auch wenn die Besucher keine Christen waren. Davon war der Sohn Christian fasziniert. Auch daher rührt seine Abneigung gegen jede Form von Deutschtümelei.

Den Gedanken, in die Mission zu gehen, hatte er ebenfalls schon früh, seit der Erstkommunion. Das war 1947, von da an wusste er: „Der liebe Gott will etwas Besonderes von mir. Das konnte ich nicht abschütteln, das war da.“ Mit zwölf fuhr er mit der Mutter, sie waren längst nach Bonn umgezogen, zu den Steyler Missionaren. Nach dem Motto: „Steil ist der Weg zum Himmel.“ Sankt Augustin, den Studienort für angehende Seminaristen, hatte Christian Troll schon als Messdiener  kennengelernt. „Messdiener zu sein – das war eine wichtige Zeit“, sagt er.

Und seine Eltern? Was sagten sie zu seiner Entscheidung? „Sie hielten mich nur an, es mir drei Mal zu überlegen.“ Er hatte es sich gut überlegt, ging zwei Jahre bei den Steylern aufs Internat und kann sich noch genau erinnern, wie viel Ferien sie dort hatten: „Je eine Woche nach Weihnachten und Ostern und vier Wochen im Sommer.“

Mit zwanzig begann er als Kandidat für die Erzdiözese Köln sein Theologiestudium in Bonn, der Vater war dort Rektor der Universität. Natürlich feierten sie zuhause Feste, ging er in eine Tanzschule. Es folgte der Wechsel nach Tübingen, wo er bekannte evangelische Theologen (wie etwa Otto Kaiser) hörte und vor allem die Internationalität unter den Studenten genoss. Will heißen: Er gründete eine Gruppe, bestehend aus Christen, Muslimen, Hindus und Buddhisten. Das war wieder so eine Vorentscheidung. Man traf sich wöchentlich in einer Privatwohnung, einer hielt ein Referat über sein Heimatland, seine Kultur und Religion.

Außerdem wollte er Arabisch lernen. Die Sprache, die einigen seiner Kommilitonen so viel bedeutete. Sein erster Lehrer der arabischen Sprache war Professor Rudi Paret, der ihn und ein paar weitere Studenten persönlich unterrichtete: „Der war sich nicht zu fein, seinen Studenten selbst das Alphabet beizubringen.“ Pater Troll schätzt das immer noch, schließlich stammt aus Parets Feder die „bis heute zuverlässigste deutsche Übersetzung des Korans“. Noch in Tübingen begann er mit einer Arbeit zur mittelalterlichen Chinamission bei Hubert Jedin, dem berühmten Kirchenhistoriker, der die ebenfalls berühmte Geschichte des Trienter Konzils schrieb.

Wie aber fand er den Weg zu den Jesuiten? Das war zurück in Bonn, da entdeckte er in der Bibliothek einen Artikel von J. M. Houben, einem Jesuiten: The need of islamic studies today. Bei der Bibliotheksverwaltung erfragte er die Telefonnummer des Holländers, der damals einen Lehrstuhl für Islamwissenschaften im niederländischen Nijmegen und einen in Beirut innehatte. Der Student wollte ihn kennenlernen. „In dem Essay stand genau das drin, was ich bis heute mache“, fasst Pater Troll die Relevanz dieser Begegnung zusammen: „Der Islam ist nach wie vor in einer Krise, er muss grundsätzlich neu über die Moderne nachdenken.“ Deswegen braucht es nach Trolls Meinung Menschen in der Katholischen Kirche, die das verstehen und sich mit Muslimen austauschen.
Nach dem Treffen mit Houben waren die Würfel endgültig gefallen: Er wollte islamische Studien beginnen. Es sei bemerkt: „Das war 1960, vor dem Konzil!“ Der Student Troll bekam tags darauf ein Empfehlungsschreiben von Houben, das brachte er im Juni 1961 zu Kardinal Frings – der war gleich einverstanden, zu Trolls großem Erstaunen: „Genau das brauchen wir in der Erzdiözese, jemanden, der Arabisch kann!“ Also wurde er noch 1961 ins Centre Religieux des Études Arabes geschickt, das zur Universität Saint Joseph in Beirut gehört.

Die zwei Jahre in Bikfaya, knapp zwanzig Meilen nordwestlich von Beirut gelegen, schildert er als die prägendsten seines Lebens. „Es war eine völlige Hingabe an die Sache, eine Art Feuerprobe.“ Pater Troll erzählt davon mit sichtlichem Stolz. Jeden Tag paukte er acht bis zehn Stunden Arabisch, las sich in die Grundlinien islamischen Denkens ein. Er war der einzige deutsche Student unter lauter Franzosen, Holländern und Libanesen, weit weg von daheim, abgeschieden vom städtischen Leben. Erstmals kam er mit Texten des Islam im arabischen Original in Kontakt. Zwei Mal bekam er Post von Kardinal Frings. „Er war sich nicht zu gut, einem kleinen Studentchen zu schreiben.“ Die Briefe hat er aufgehoben.

1963 trat er in den Jesuitenorden ein. Nach der dreijährigen Grundausbildung in Deutschland ging er nach London, wo er an der School of Oriental and African Studies studierte. Nun rief die ganz weite Welt – Studienaufenthalte in Iran, in Pakistan und Indien. Er lernte das muslimische Leben dort kennen, wo es gelebt wird. 1971 empfing er die Priesterweihe in München. Und stand vor der Frage: Will ich mich theoretisch mit dem Koran befassen oder in einem muslimischen Land leben? – Pater Troll entschied sich für letzteres. „Ich war nie ein reiner Wissenschaftler.“ Er verstand und versteht sich bis heute missionarisch- priesterlich. Es sollte Pakistan werden, Lahore. „Mein Englisch musste dafür top sein.“ Er ging zur Vorbereitung nach London, bekam hier 1970 den B.A. Honours in Urdu Literatur und 1975 den Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über das moderne islamische Denken in Südasien.

„Du gehörst nach Indien, nicht nach Pakistan“, befanden seine Oberen. Er wurde in Neu-Delhi Professor für islamisch-christliche Begegnung. Was das Eindrücklichste in den zwölf Jahren dort gewesen sei? – Einen Beitrag dazu zu leisten, dass in Indien die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Verhältnis der Kirche zu den Muslimen effektiv umgesetzt würden. Pater Troll meinte, für immer dort zu bleiben. Doch 1988 musste er seine Koffer packen und sie mit nach Birmingham nehmen, hier war er bis 1993 Senior Lecturer am Centre for the Study of Islam and Christian-Muslim Relations. „In Birmingham konnte ich viel lernen, hatte Studenten und Doktoranden, auch Muslime waren dabei.“ Er vermutet, dass er auch da „hängengeblieben“ wäre, hätte der Orden nicht gesagt, er solle nach Rom an das Päpstliche Orientalische Institut wechseln. Von Rom aus, wo er Mitglied der Subkommission für Religiöse Beziehungen der Katholischen Kirche mit den Muslimen
beim Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog war, „bediente“ er auch Ankara als Gastprofessor. „Ich begann also wieder von vorne. A, B, C. Diesmal auf Türkisch.“ Auch die Idee zu seiner Homepage „Muslime fragen, Christen antworten“ entstand in diesen Jahren. Sie erscheint in elf Sprachen. Pater Troll befürchtet jedoch, dass die Internetseite dennoch zu altmodisch ist. Weil sie keine Clips hat.

In Berlin, der nächsten Station, musste er jedenfalls keine neue Sprache lernen. Drei Jahre lang war er an der Spree als Leiter des christlich-islamischen Forums der Katholischen Akademie und Mitglied verschiedener diözesaner Dialog-Gremien. Aber so richtig glücklich war er da nicht. Dafür „bin ich sehr dankbar, gegen Schluss meines Lebens in Sankt Georgen zu sein.“ Von 2001 bis 2007 war er hier Honorarprofessor, schätzt den „Standortvorteil“, das CIBEDO nebenan, die Hochschule, die Mitbrüder, die verkehrsmäßige Anbindung. „Außerdem habe ich mit Pater Specker einen guten Nachfolger.“ Wie er sein Mitwirken an der Stiftungsprofessur Katholische Theologie im Angesicht des Islam betrachtet? – „Jedenfalls war ich nicht so schlimm, dass sie sagen, nie wieder einen Islamwissenschaftler.“

Pater Christian Troll hat eine „praktische Ader“. Er will Jesus verkünden. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, auch auf die Gefahr hin, dass er sich unbeliebt macht. „Ich war nie Mainstream“, sagt er und bedauert, dass – vielleicht auch wegen der jüngeren deutschen Geschichte − viele immer noch vor deutlichen Worten zurückschreckten. „Es gibt Leute, die halten die Ganzkörperverschleierung für ein Zeichen von Religionsfreiheit.“

Pater Troll hat ein Leben lang den Dialog zwischen Christen und Muslimen gepflegt. Er hält ihn weiterhin für absolut notwendig, „wenn wir in Verschiedenheit harmonisch in einer pluralen Gesellschaft zusammenleben wollen“. Nächstenliebe
interpretiert er in diesem Zusammenhang folgendermaßen: Die Muslime so verstehen, wie sie sich verstehen. „Wir müssen einander kennenlernen und das Liebenswerte lieben.“ Mittlerweile widmet er sich allerdings hauptsächlich dem Apostolat der „Einladung“. Dazu gründete er im vergangenen Jahr die Initiative „Johannes der Täufer“. Sie will suchenden Muslimen, die hier in Europa in einem freiheitlichen Rechtstaat leben, dabei helfen, Jesus, seine Frohe Botschaft und seine Kirche kennenzulernen. „Einladen“, das meint verkündigen – und gegebenenfalls zur Taufe begleiten.

Vorgestellt von
VANESSA LINDL
Studentin der Katholischen Theologie
CORNELIA VON WRANGEL
Studentin der Philosophie, Journalistin

Der Artikel ist ursprünglich im Georg 2/2016 erschienen, dem Magazin der Hochschule Sankt Georgen.

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