Fruchtbares Missverständnis

Ein umstrittenes Zitat beflügelte vor 20 Jahren den Religionsdialog
Es ging um Glaube und Vernunft, doch mit seiner „Regensburger Rede“ zog 2006 der damalige Papst Benedikt XVI. den Zorn vieler Muslime auf sich. Der Theologe Dirk Ansorge sieht heute in der Rede einen wichtigen Impuls für mehr Dialog.

DOMRADIO.DE: Mit zwanzig Jahren Abstand: War die Rede und das gewählte Zitat von Papst Benedikt eine Ungeschicklichkeit, eine eventuell gezielte Provokation oder doch weise gewählt, weil sie das Gewaltproblem von Religionen deutlich gezeigt hat?

Prof. Dr. Dirk Ansorge (Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen): Ich würde ganz klar sagen, dass es keine Provokation war. Papst Benedikt hat damals eher als Professor Josef Ratzinger gesprochen. Und er hat für sein eigentliches Thema, nämlich das Verhältnis von Glaube und Vernunft an der Universität, ein Beispiel gesucht. 

Er hat sich dann auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Islam berufen, um eine Kontrastfolie für seine eigene Sicht der Dinge zu entwickeln. Das ist ein im akademischen Bereich durchaus zulässiges, ja übliches Vorgehen. Eine Provokation in Richtung Islam steckte überhaupt nicht dahinter. Dass sich das Zitat letztlich durch die Reaktionen von muslimischer Seite als eher ungeschickt gewählt erwiesen hat, das kann man nicht bestreiten.

DOMRADIO.DE: Der Jesuit und Islamwissenschaftler Felix Körner sagte vor Kurzem in diesem Zusammenhang: Richtiger wäre gewesen, wenn Papst Benedikt das Besondere des christlichen Umgangs mit der Vernunft herausgearbeitet hätte. Darf ein Papst nur über seinen eigenen Glauben und die eigene Theologie reden? 

Ansorge: Ich glaube, der Papst hat seine Auffassung vom Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft sehr deutlich in dieser Rede herausgestellt. Das war damals auch hochschulpolitisch von ihm so gewollt. Es ging darum, die Verortung von Theologie an einer säkularen Universität zu rechtfertigen. Das ist eine Herausforderung, vor der wir heute, 20 Jahre nach der Rede, immer noch angesichts sinkender Studierendenzahlen stehen. Ich denke, zu zeigen, dass Theologie an der Universität ein Heimatrecht besitzt, das ist dem Papst in seiner Rede auch ganz gut gelungen. Benedikts Absicht war es überhaupt nicht, über den christlich-muslimischen Dialog zu sprechen.

DOMRADIO.DE: Man darf die damals aufflammende Gewalt nicht kleinreden. Eine italienische Nonne wurde in Somalia vermutlich in diesem Zusammenhang erschossen. Wie kam es dann aber doch recht schnell zum Dialog zwischen muslimischen Gelehrten und der katholischen Kirche? 

Ansorge: Die islamische Welt ist durchaus vielfältig. Schon einen Monat danach, im Oktober 2006, haben 38 Gelehrte sehr konziliant auf diese Rede geantwortet. Sie haben in einem Brief an den Papst ihn als „Seine Heiligkeit“ angesprochen und dann die Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum herausgestellt. Sie haben an den gemeinsamen Glauben an den einen Gott erinnert, auch an das Liebesgebot, das für beide Religionen leitend ist. 

Recht bald also äußerten sich sehr besonnene Stimmen aus der islamischen Welt zu der Rede. Ähnliches geschah ein Jahr später noch einmal mit einem offenen Brief, den zunächst 138 muslimische Gelehrte unterzeichneten. Unter der Überschrift „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“ wurden Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam betont und diese mit vielfältigen Bezügen auf die islamische Tradition bekräftigt.

DOMRADIO.DE: Höhepunkt des Dialogs war 2019 ein Treffen von Papst Franziskus mit dem Großimam Ahmad al-Tayyib in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie haben damals ein Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen unterzeichnet. Sie waren damals auch sehr nah dran an dem Werden dieses Dokuments und der Unterzeichnung. Wie bedeutsam war das denn? 

Ansorge: Die Erklärung von Abu Dhabi ist schon ein sehr bedeutsames Dokument, das auch aus einer persönlichen Freundschaft zwischen Papst Franziskus und al-Tayyib herausgewachsen ist. Das Besondere dieses Dokumentes ist, dass beide Religionsführer eine breite Palette gemeinsamer und geteilter Grundwerte bekräftigen – bis hin zu der Bestätigung dessen, dass es durchaus unterschiedliche Religionen geben darf.

Dieser religiöse Pluralismus, den wir vielfach in der Welt antreffen – auch wo es christliche Minderheiten in islamischen Staaten gibt oder islamische Minderheiten in christlichen Staaten –, dieser Pluralismus wird als dem Willen Gottes nicht zuwiderlaufend betrachtet. Dass diese Feststellung vom Papst und vom Großimam gemeinsam getroffen wurde, ist schon etwas durchaus Bemerkenswertes – und hat in beiden Religionen nicht nur Zustimmung gefunden. 

DOMRADIO.DE: Nach wie vor gibt es Gewalt im Namen der Religion, auch von Muslimen gegen Christen oder wenn man an Saudi-Arabien als Beispiel für ein Land mit sehr wenig Religionsfreiheit denkt, warum dringen solche Dokumente und Treffen nicht überall durch? 

Ansorge: Das liegt an dem jeweiligen Interesse der Herrschenden und der Medien. Es gibt gewisse Filter, welche die öffentliche Wahrnehmung bestimmen. Man muss in diesem Falle sicherlich auch tiefsitzende Vorurteile überwinden. 

Wie schwierig das ist, das sehen wir jetzt auch in Deutschland in anderen Zusammenhängen: Wo bestimmte Bilder vom jeweils Anderen bestehen, dort hört man ungerne eine dem zuwiderlaufende Position. Und hier muss man einfach eingestehen, dass es sowohl christlicherseits vom Islam als auch islamischerseits vom Christentum festgefügte Feindbilder gibt, die über Jahrhunderte gewachsen sind und die Rezeption solcher Dokumente erschweren. 

DOMRADIO.DE: Im Februar 2024 waren Sie bei einer internationalen Konferenz in Abu Dhabi, die auf dieses Ereignis, eben die Unterzeichnung des Dokuments, mit fünf Jahren Abstand zurückgeschaut hat. Wo steht nach Ihrem Eindruck aktuell der katholisch-islamische Dialog? 

Ansorge: Er geht voran. Papst Leo XIV. hat den Dialog aufgegriffen und setzt ihn fort. Er hat seine erste Auslandsreise im Zusammenhang mit dem Jubiläum des Konzils von Nizäa in die Türkei unternommen und war anschließend im Libanon – zwei Länder mit einer islamischen Bevölkerungsmehrheit. Wiederholt wurden bei Begegnungen mit Muslimen Gemeinsamkeiten bekräftigt: etwa, dass Christen und Muslime an den einen Gott glauben und von ihm her auch ihr Handeln bestimmen lassen wollen. Erst kürzlich hat Papst Leo in Nordafrika den Dialog mit Vertretern des Islam gesucht. 

Der Dialog verläuft jetzt nicht mehr so spektakulär wie während des Pontifikates von Papst Franziskus, der seine Freundschaft mit al-Tayyib über viele Jahre gepflegt hat. Aber der christlich-islamische Dialog wird fortgesetzt und findet seine jeweiligen Gesprächspartner auf unterschiedlichen Ebenen. Da sind Kirchenvertreter und Theologen engagiert, aber der Dialog geschieht auch auf lokaler Ebene, wo Christen und Muslime friedlich miteinander leben und gemeinsame Initiativen auf den Weg bringen. 

DOMRADIO.DE: Mit Blick auf die Rede vor zwanzig Jahren: Wäre der Dialog zwischen Christentum, zwischen katholischer Kirche und dem Islam heute weiter oder weniger weit ohne diese Rede? 

Ansorge: Das ist schwer zu beurteilen. Ich glaube, die Rede des Papstes hat schon einen Impuls gegeben, und zwar gerade dadurch, dass sie diese heftigen Reaktionen provoziert hat. Rasch aber fühlten sich dann doch die besonnenen Kräfte im Islam dazu motiviert, noch einmal in einer besonderen Weise auf die Rede zu reagieren. 

Es gab in den zwanzig Jahren seither verschiedene Konferenzen auf beiden Seiten, auch gemeinsame Erklärungen, die daraus hervorgegangen sind. Aber aus Jordanien zum Beispiel gab es schon im Jahr 2004, das heißt zwei Jahre vor der Rede von Papst Benedikt, eine Botschaft, die „Amman-Message“, auf die sich die Autoren der Erklärung von 2007 berufen konnten, als sie Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam betonten. Also, der Dialog beginnt nicht erst vor 20 Jahren als Reaktion auf die Rede von Papst Benedikt, aber er wurde möglicherweise dadurch intensiviert.

Das Interview führte Mathias Peter.

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