Schriftstellerin Nora Bossong will mehr Glauben in erschöpften Zeiten

Nachdenken über die Rückkehr von Religion – Kritik an Kirche

Nora Bossong ist eine preisgekrönte Schriftstellerin – und bekennende Katholikin. Sie attestiert der Gesellschaft, sie habe den Sinn des Lebens verloren.

Von Christoph Arens (KNA)

Frankfurt (KNA) Nora Bossong (44) schwimmt gegen den Strom. Die Bestseller-Autorin ist nicht nur eine der wichtigsten literarischen Stimmen des Landes. Sondern auch eine bekennende und zugleich kritische Katholikin. Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte sie am Donnerstag ihr neue Buch: den Essayband „Welt mit anderen Mitteln: Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten“. Es handelt sich um ein leidenschaftliches Plädoyer für den Glauben, einen Aufruf an alle, die dem spirituellen Ausverkauf der Gesellschaft etwas entgegensetzen wollen.

Am Stand des Pen-Clubs diskutierte die gebürtige Bremerin mit dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, der eine Rückkehr der Religion fürchtet. „Ich war mal ein sehr gläubiger Mensch“, sagt der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler. „Heute brauche ich keine Religion mehr, um ein erfülltes Leben zu führen.“ In seinem Buch „With God On Their Side“ (Mit Gott auf ihrer Seite), das Ende Oktober erscheint, schreibt Abdel Samad über seine Befürchtung, dass die Trennung von Macht und Religion vorbei sei. Ob Erdogan, Trump, Putin oder Netanjahu: Weltweit schlössen sich autoritäre Regierungen mit fundamentalistischen Bewegungen zusammen. Auch in Deutschland machten Rechtspopulisten und antiliberale Glaubensrichtungen gemeinsame Sache. Religiöse Themen und Bilder würden zum Steinbruch für nationalistische und identitäre Politik.

Bossong, die dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört, stimmt dem zu. Ob Judentum, Islam oder Christentum: Die extremen Ränder würden stärker und aggressiver. Sie plädiert stattdessen für eine aufgeklärte und kritische Religiosität. Die Autorin, die für ihre Lyrik, Romane und Essays unter anderem mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Elisabeth-Langgässer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hadert an vielen Stellen mit der katholischen Kirche. Zum Beispiel beim Umgang mit sexuellem Missbrauch, bei der Gleichstellung von Frauen und bei der Haltung zu Homosexualität.

Sie wisse, wieviel schief laufe in der Kirche, schrieb sie gerade in einem Gastbeitrag für die „Welt“. Dass viele Menschen die Institution ablehnten, habe sie sich selbst eingebrockt – vor allem jene Kirchenvertreter, „die durch Unfähigkeit oder sogar Vorsatz religiösen Machtmissbrauch zugelassen oder betrieben haben“. Allerdings gewönnen diese Menschen gleich zweifach, „wenn wir nun das Kind mit dem Bade ausschütten und uns durch ihr Fehlverhalten das nehmen lassen, was wertvoll ist am Glauben und an den aus ihm erwachsenen Lebensformen“.

Ihren eigenen Glauben vergleicht Bossong, die nach eigenen Worten in einer „Jesuitengemeinde“ in Berlin aktiv ist, mit der Poesie: Sie könne etwas ausdrücken, was keine Wissenschaft oder Statistik sagen könne, sagt sie. Glaube an Gott bedeute für sie, „in Beziehung zu treten mit etwas, was über uns und über unser Hier und Jetzt hinausführt“. Es sei salonfähig geworden, nicht mehr an die Zukunft zu glauben, analysiert die Autorin. „Nicht nur wegen multipler Krisen und omnipräsenter Überlastung, sondern weil uns der Sinn für den Sinn fehlt.“ Religion gelte als überholt, Transzendenz als verdächtig. Konsumismus, Glückssuche im Privaten, scheinbare Freiheit, stetige Bewegung, Wachstum und Optimierung übertünchten, was eigentlich eine zutiefst menschliche Verortung sei.

„Manchmal fürchte ich, dass unserer von transzendenten Sinngehalten leergeräumten Gegenwart die Gegenangebote zu den extremistischen Verführungen bereits ausgegangen sind“, bekennt die Schriftstellerin. „Die goldenen Kälber und Scheinantworten stehen jedenfalls auch deshalb gerade hoch im Kurs, weil in unseren gesellschaftlichen Burn-outZustand neben allen fassbaren Krisen noch etwas Weiteres hineinspielt: ein radikales Sinndefizit.“ Was die Gesellschaft dringend bräuchte, wäre der Mut, „aus dem zu schöpfen, was Menschen über Jahrtausende an spirituellen Kulturtechniken gefunden und gelebt haben, um sich aus dem beengten Denkraum der nur materiellen Gegenwart zu befreien“.

Das Wiederentdecken von Sinngehalten, die tiefer und belastbarer seien als private und materielle Glückshäppchen, Börse und Bumble, sei unerlässlich, damit sich die Menschen wieder auf die Zukunft freuen könnten. In der Bibel gebe es das Bekenntnis, dass das Reich Gottes bereits mitten unter den Menschen sei. Christen seien deshalb diejenigen, die das leben und in Nächstenliebe leben sollten.

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