Dekan Khorchide über die erste Islamisch-Theologische Fakultät

„Wir wollen Menschen für ein neues Islamverständnis erreichen“

Die erste islamisch-theologische Fakultät Europas startet in Münster. Im Interview erklärt Gründungsdekan Mouhanad Khorchide, warum er auf mehr wissenschaftliche Freiheit und einen reformorientierten Islam setzt. Von Christoph Schmidt (KNA) Münster (KNA)

Mit Gründung der ersten islamischtheologischen Fakultät Europas beginnt für die islamische Theologie in Deutschland eine neue Phase. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht der künftige Dekan Mouhanad Khorchide über die Chancen der neuen Fakultät, den Einuss der Islamverbände, die Spannungen zwischen Reformtheologie und traditionellem Moschee-Islam sowie seine Honung auf eine internationale Ausstrahlung eines zeitgemäßen Islamverständnisses.

Frage: Herr Professor Khorchide, was bedeutet die Aufwertung Ihres Zentrums zur Fakultät für die künftige Lehre, Forschung und die Stellung der islamischen Theologie in Deutschland?
Antwort: Unsere akademische Unabhängigkeit und Reichweite wächst dadurch. Künftig haben wir eine eigene Promotions- und Habilitationsordnung. Promotionen können auch in anderen Sprachen geschrieben werden – ich habe schon Anfragen aus Pakistan, Indonesien und Marokko. Und wir können stärker eigene Forschungsschwerpunkte setzen. Dabei wollen wir uns etwa auf Public Theology konzentrieren, also die religiöse Dimension sozialer Themen wie Genderforschung, Umweltschutz oder Deradikalisierung. Einen Studiengang Islam und soziale Arbeit für angehende Seelsorger wird es demnächst auch geben.

Frage: Erhalten Sie dafür als Fakultät auch mehr Mittel?
Antwort: Erstmal nicht. Es bleibt zunächst bei acht Professoren, die Hälfte davon Frauen. Wir hoen auf zwei weitere Stellen. Aber als Fakultät haben wir mehr Möglichkeiten bei der Mitteleinwerbung, bei Stiftungen, Ministerien, Politik.

Frage: In Deutschland gibt es sechs Uni-Standorte für islamische Theologie. Warum wird gerade das ZIT in Münster zur europaweit ersten Fakultät erhoben?
Antwort: Das hat mehrere Gründe. Münster hat bereits große Fakultäten für katholische und evangelische Theologie. Zusammen mit der islamischen soll daraus ein Campus der Religionen mit gemeinsamer Bibliothek und Mensa werden, auf dem der interreligiöse Dialog eine neue Qualität entfalten kann. Münster hat auch große symbolische Bedeutung als Stadt des Westfälischen Friedens. Außerdem hat das ZIT von allen Standorten die deutsche Islamdebatte der letzten Jahre vielleicht am stärksten geprägt. Damit konnten wir beim NRW-Wissenschaftsministerium als entscheidender Stelle punkten.

Frage: Sie gelten als einer der progressivsten Islamtheologen und vielleicht wichtigster deutscher Vertreter eines aufgeklärten Islams. Die konservativen Moscheeverbände im bisherigen ZIT-Beirat forderten vor Jahren sogar Ihre Entlassung. Den Beirat wird es weiterhin geben – was bedeutet das für die Zukunft der Fakultät?
Antwort: Der konfessionelle Beirat wurde 2011 eingerichtet, damit nicht der Eindruck entsteht, der Staat lehre seinen eigenen Islam und bilde etwa Religionslehrer ohne Bindung an die Moscheegemeinden aus. Heute zählen dazu die türkischislamische Ditib, der Islamrat und der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Allerdings hat das Gremium nur dann ein Vetorecht, wenn grundsätzliche Lehren verletzt werden, also wenn beispielsweise behauptet würde, der Prophet Mohammed hätte nie gelebt. Ansonsten hat der Beirat auf Lehrinhalte, Koranauslegung und Personalentscheidungen keinen unmittelbaren Einuss. Die Forderung nach meiner Entlassung bezog sich auf mein Buch Islam ist Barmherzigkeit von 2012, weil ich darin orthodoxe Positionen in Frage stellte. Damit hatte der Beirat keinen Erfolg. Nach diesem Streit funktionierte die Zusammenarbeit reibungslos. Ich wäre aber froh, wenn es das Beiratsmodell nicht gäbe und Theologie mehr Freiheit bekäme.

Frage: Von den Verbänden kam auch Kritik an der Fakultätsgründung. Deren Autonomie beschneide den Einuss des Moschee-Islams weiter und stehe für eine elitäre Theologie ohne Bezug zum Glaubensleben in den Gemeinden, hieß es.
Antwort: Es gibt eine Kluft zwischen moderner Islamtheologie und dem traditionellen Islamverständnis vieler Moscheegemeinden. Viele Prediger legen Koran und Sunna eher wörtlich aus. Als Wissenschaftler betrachten wir sie im historischen Kontext. Dadurch verlieren viele Schariaregeln wie Körperstrafen oder die Ungleichbehandlung von Frauen und Nichtmuslimen ihre Verbindlichkeit. Wir wollen aber kein Selbstgespräch in der akademischen Blase, sondern Menschen für ein zeitgemäÿes Islamverständnis erreichen, Muslime wie Nichtmuslime.

Frage: Welche Erfahrungen machen Sie dabei mit Ihren Studierenden?
Antwort: Viele Erstsemester – übrigens überwiegend Frauen – sind zunächst irritiert von der Reformtheologie, die wir vermitteln. Themen wie der Akzeptanz von Homosexualität, Religionsfreiheit und universalen Menschenrechten begegnen sie oft mit Skepsis. Viele sagen: Das ist nicht der Islam, wie wir ihn kennen. Im Laufe des Studiums entdecken die Studierenden aber, dass es unterschiedliche Zugänge zu den religiösen Quellen gibt und dass auch in der islamischen Welt liberale Gelehrte längst weitergehende Positionen vertreten. Diese Erfahrung führt bei den meisten zu einer Önung. Ich würde schätzen, dass rund 90 Prozent unserer Absolventinnen und Absolventen ein aufgeklärtes Islamverständnis entwickelt haben.

Frage: Welche Berufe streben die Leute an?
Antwort: Zwei Drittel studieren auf Lehramt, werden also den Islamischen Religionsunterricht an den Schulen verstärken. Bisher bieten ihn aus Personalmangel weniger als zehn Prozent der Schulen an – trotz steigender muslimischer Schülerzahlen. Das letzte Drittel strebt entweder eine akademische Laufbahn an, oder will später in der Jugendarbeit, bei Stiftungen oder in der Politik arbeiten.

Frage: Wäre es nicht wichtig, dass Absolventen auch als Imame, also als Vorbeter und Prediger die neue Theologie direkt in die Gemeinden tragen?
Antwort: Wir bilden auch Imame aus, aber hier fehlt schlicht die Nachfrage. Die Moscheeverbände bilden ihre Vorbeter lieber selber aus. Zumindest gibt es Bemühungen, auch auf Druck der Politik, die Zahl der Nicht-DeutschSprechenden und aus dem Ausland auf Zeit entsendeten Imame zu reduzieren. Umgekehrt ist der Beruf für Studierende auch nicht attraktiv. Von den derzeit rund 500 Eingeschriebenen in Münster wollen nur drei eine Weiterbildung zum Imam absolvieren. Die Bezahlung in den Gemeinden ist schlecht und nach fünf Jahren Studium empnden sich die Absolventen als überqualiziert für Gemeindeaufgaben mit wenig Spielraum, ihr Wissen auch anzuwenden.

Frage: Welche Strahlkraft kann die neue Fakultät aus Ihrer Sicht für einen reformorientierten Islam entwickeln – in Deutschland und darüber hinaus?
Antwort: Ich hoe, dass die Fakultät weit über Deutschland und Europa hinaus Impulse setzen wird. Das Islamverständnis, für das wir stehen, unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von vielen heute vorherrschenden Auslegungen. Gleichzeitig gibt es in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indonesien oder Marokko unter Gelehrten längst intensive Reformdebatten. Ich wünsche mir, dass wir Teil eines internationalen Austauschs werden und ihn mit wissenschaftlicher Arbeit bereichern. Gerade die jüngere Generation in vielen muslimisch geprägten Ländern ist häug oen für Reformen. Im Westen wird der Islam dagegen oft vor allem als Identitätsmarker verstanden, weniger als persönliche Beziehung des Menschen zu Gott. Das bleibt eine Herausforderung.

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