Ungarns Mohács-Trauma – Orbáns Islamophobie kam nicht von ungefähr
Welches Christentum meint der Populist mit „Europas letzte Hoffnung“?
Viktor Orbán redete als starker Mann Ungarns gern von einer Überfremdung des Landes und ganz Europas. Er traf damit einen Nerv der Bevölkerung. Islamophobie hat in Ungarn eine lange Tradition – und nun auch 500. Geburtstag
Von Alexander Brüggemann (KNA)
Budapest/Wien (KNA) Im Juni 1989 zerschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs einen Grenzzaun zwischen ihren Ländern: das erste Loch im Eisernen Vorhang. Im Mai 2004 durfte Ungarn in eine erweiterte EU eintreten – und feierte es stolz als „Rückkehr in die europäische Völkerfamilie“. Seitdem ist viel geschehen.
Seit 2010 hat Ministerpräsident Viktor Orbán mit seiner nationalkonservativen Fidesz-Partei die verfassungsmäßigen Strukturen des Staates in grenzwertiger Weise umgebaut. „Brüssel“ wurde als neuer Fremdherrscher in der an Fremdherrschaften langen Geschichte Ungarns verfemt.
Intellektuelle fühlten sich von den Fidesz-Parolen abgestoßen. Doch in weiten Teilen der Bevölkerung verfing Orbáns Rede von einer Überfremdung durch Migranten – obwohl Ungarn selbst lediglich Gastarbeiter aufnimmt, etwa aus den Philippinen oder Indonesien. Das Land, das einst den Eisernen Vorhang zerschnitt, baute neue Zäune.
Die liberale Denkfabrik Republikon-Institut diagnostizierte kürzlich, Ungarn sei eine „extrem xenophobe Gesellschaft“. Die Orbán-Regierung habe ihren Fremdenhass zwar 2015 bis 2017 auf die Spitze getrieben – damit aber lediglich langfristige Tendenzen bestätigt. Die Einwanderungspolitik der abgelösten Regierung habe sich eher eine tief verankerte Grundeinstellung der Bevölkerung zu eigen gemacht.
So konnte sich der Rechtspopulist lange Zeit als Europas unernannter „Grenzschutzkapitän“ gerieren und mit Angst vor einer islamischen Bedrohung und mit Nationalstolz auf sicheren Stimmenfang gehen – bis zu seiner doch etwas überraschenden Abwahl im April.
Er verkündete, mit einer Masseneinwanderung aus Afrika könnten „die schlimmsten Alpträume“ wahr werden. „Wenn die Dinge so weitergehen, werden unsere Kultur, unsere Identität und unsere Nationen, so wie wir sie kennen, aufhören zu bestehen.“ Der Westen werde durch die schiere Masse der Einwanderer fallen – „während Europa nicht einmal bemerkt, dass es überrannt wird“.
Republikon moniert, dass Ungarn dabei gar keiner großen Belastung durch „Überfremdung“ ausgesetzt sei. Obendrein bemühten sich die wenigen Ausländer dort besonders um Integration, weil das Land eigene Anstrengungen für mehr Integration vermeide.
Die Islamophobie, die Viktor Orbán stets bediente, kommt nicht von ungefähr. Und wahrscheinlich ist es ein Glücksfall für Ungarns Geschichtsbücher, dass es nicht mehr Orbán ist, dessen Rede als Regierungschef zum 500. Jahrestag der „Katastrophe von Mohács“ Eingang in das ungarische Nationalnarrativ finden wird.
Mohács, das ist ein kollektives Trauma. Vor 500 Jahren, am 29. August 1526, bezog das ungarische Heer in Mohács nahe Pécs (Fünfkirchen) im Süden des Landes eine vernichtende Niederlage gegen die osmanischen Truppen unter Süleyman I. Wenig später konnten die Muslime große Teile Ungarns und Kroatiens unterwerfen. Durch den Schlachtentod des jungen Königs Ludwig II. fielen Ungarn und Böhmen an den späteren Habsburgerkaiser Ferdinand I.
Wenn man auf Ungarisch ausdrücken möchte, dass es auch schlimmer hätte kommen können – etwa bei einem Blechschaden oder einem falschen Schritt auf dem Börsenparkett -, lautet bis heute ein gängiges Sprichwort: „Bei Mohács ist mehr verloren gegangen!“
Das Christentum, predigte Orbán stets, sei „Europas letzte Hoffnung“. Und ein Großteil der zehn Millionen Ungarn und auch der ungarischen Kirche standen hinter dieser Haltung. Doch was für ein Christentum meint Orbán, das keinen Unterschied macht zwischen Notleidenden und böswilliger islamischer Überfremdung?
Tatsächlich diagnostizierte zuletzt der ungarischstämmige Belgrader Kardinal Ladislav Német klare Versäumnisse der Kirchen in der Ära Orbán. Diese seien „zu nah an der Macht“ gewesen, analysierte Német in der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“. Es sei ihm ein Rätsel, wie es möglich war, dass die Kirchenhierarchie so lange Orbáns Politik mitgetragen habe. Man habe sie finanziell zunehmend abhängig gemacht. Némets Fazit: „Sie sind der Regierung und der Macht zu nahe gekommen.“
Religion könne aber auch gegen Menschen mobilisieren und Feindbilder verstärken, räumt der Kardinal ein. „Und wenn man die richtigen Themen dazu nimmt, etwa Angst oder Hoffnungslosigkeit, dann braucht man einen Erlöser, der den Menschen Kraft gibt und sie verteidigt.“ Das Muster der „starken, populistischen Leader“ sei bekannt; wissenschaftlich-historisch „sehen wir hier ziemlich klar, wohin all das führen kann“.
Er könne nicht verstehen, so Német, warum die Kirchen „so lange weitgehend geschwiegen haben, als die Politik sich einer religiösen Rhetorik bediente, um Menschen abzuwerten oder auszugrenzen“. Der Kardinal weiter: „Wo Menschen mit religiösen Symbolen in der Hand rhetorisch entmenschlicht werden, wo sie vom Ministerpräsidenten öffentlich als ‚Wanzen‘ oder ‚Schädlinge‘ markiert werden, die ausgerottet gehören, entsteht ein tiefes Problem für die Glaubwürdigkeit der Kirche.“
Am deutlichsten in der Kirche in Ungarn setzte sich in der Ära Orbán der emeritierte Bischof von Vác (Waitzen), Miklos Beer (83), für Flüchtlinge ein. Das Evangelium verpflichte Christen zu Hilfe für Menschen in Not, betont er. Wer bloß sage, Flüchtlinge sollten doch lieber zu Hause bleiben, statt nach Europa zu kommen, mache es sich zu einfach.
Bleibt die Frage, wie es mit der neuen Tisza-Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar weitergeht. Der Thinktank Republikon befindet: „Sollte sie auch einen einwanderungsfeindlichen Standpunkt beziehen, verhält sie sich politisch nur rational – weil sie sich der relativen Mehrheit einer extrem xenophoben Gesellschaft anschließt.“
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