Die afghanischen jugendlichen Erfinder bekommen kein Visum

Von Bernd Tenhage (KNA) Washington (KNA) Bevor sie sich bewarben, machten sich die jungen Erfinderinnen Sorgen, ob sie den gefährlichen Weg von ihrer Heimatstadt Herat im Westen Afghanistans in die Hauptstadt Kabul schaffen würden.

Eine Route, auf der sich regelmäßig islamistische Selbstmordattentäter in die Luft sprengen; zuletzt Anfang Juni, als eine Lkw-Bombe mindestens 90 Menschen tötete. Beseelt vom Wunsch, an einem Roboterwettbewerb in der US-Hauptstadt Washington teilzunehmen, holten sie die Erlaubnis ihrer Eltern ein, für die Beantragung ihrer Visa gleich zweimal die 500 Meilen lange Strecke nach Kabul anzutreten.

Der Besuch beim Konsulat werde wohl nicht mehr als eine Formsache sein – so dachten sie. Doch dann die Enttäuschung: Die US-Behörden verweigerten die Reisepapiere nach Washington. Eine Begründung erhielten sie nicht. Wenn sich Spezialisten aus 160 Staaten vom 16. bis 18. Juli in Washington treffen, wird „Team Afghanistan“ nun nur durch den von ihm konstruierten Roboter vertreten sein, der Bälle in verschiedenen Größen sortieren kann. „Die Mädchen weinten einen ganzen Tag lang“, so die Leiterin des Projekts auf afghanischer Seite, Roya Mahboob.

Dass sie in ihrer patriarchalischen Gesellschaft oft das Nachsehen haben, waren die Teenager gewohnt. Dass sie aber in den USA nicht willkommen sind, die über Jahre Programme für Frauen und Mädchen am Hindukusch förderten, enttäuschte sie tief. „Wir wissen nicht, warum wir nicht einreisen dürfen“, sagte die 14-jährige Fatemah Qaderyan einem Reporter. Auch die Medien erhalten keine Auskunft. Auf Nachfragen bleibt das US-Außenministerium zugeknöpft. Offiziell heißt es, wegen des Schutzes der Privatsphäre werde man sich nicht zu dem Fall äußern.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Absage vielmehr mit Politik zu tun hat. Darauf deuten jüngste Zahlen hin; sie zeigen, wie selten derzeit Reise-Visa für Afghanen vergeben werden. „Das ist eine klare Beleidigung für die Menschen in Afghanistan“, meint die 17-jährige Lida Azizi. „Alle Länder können teilnehmen, nur wir nicht.“ Was nicht ganz stimmt – denn überraschenderweise verwehrte das US-Außenministerium auch fünf jungen Elektronik-Nerds aus Gambia die Einreise. Die 17- und 18-Jährigen seien sehr enttäuscht, sagte ein Vertreter des gambischen Bildungsministeriums dem Sender „Al Dschasira“. Ihre Eltern mussten rund 170 Dollar pro Antrag bezahlen, was ihnen nicht leicht gefallen sei.

Wie Afghanistan gehört auch Gambia nicht zu den sechs überwiegend muslimischen Ländern, deren Bürger vorübergehend nicht in die USA einreisen dürfen. Der Oberste US-Gerichtshof hatte das umstrittene Präsidentendekret von Donald Trump erst Ende Juni vorläufig und mit Einschränkungen bis zur Verhandlung der Hauptsache in Kraft treten lassen. Der Präsident des ersten internationalen Roboterwettbewerbs für unter 18-Jährige, Joe Sestak, äußerte sich „sehr traurig“ über den politischen Beigeschmack. Nicht nur er ist irritiert über die Willkür bei der Visa-Vergabe. Auch politischer Beobachter zeigen sich ratlos: „Team Hope“ aus Syrien, einem der sechs Länder, das auf dem Einreiseverbots-Index steht, ist mit dabei. Und auch Teams aus dem Iran, Irak und dem Sudan, alle drei ebenfalls mit zeitlichem Einreiseverbot belegt, erhielten ihre Visa.

Besonders bitter ist für die afghanischen Mädchen, dass ihre Teilnahme nach Überwindung des gefährlichen Weges von Herat nach Kabul und den Schwierigkeiten, die Einzelteile für ihren Roboter überhaupt zu bekommen, nun an einer politischen Hürde scheiterte. Die Wettbewerbsleitung will den Roboter-Mädchen aus Afghanistan nun anders Anerkennung zollen. Präsident Sestak will sie via Live-Skype-Video-Link von Herat nach Washington schalten – „um ihren unglaublichen Mut zu ehren“.

(KNA – rkrlm-89-00011)