Analyse zu islamistischem Antisemitismus – „erhebliches Dunkelfeld“

Was ist charakteristisch für Antisemitismus mit islamistischem Hintergrund? Das hat eine Meldestelle untersucht – und etwas herausgefunden, das oft anders ist als bei der Gesamtzahl judenfeindlicher Vorfälle.

Von Leticia Witte (KNA)

Berlin (KNA) Bedrohungen, Angriffe, extreme Gewalt: Das sind Beispiele für Antisemitismus, mit dem Jüdinnen und Juden konfrontiert sind. Eine neue Analyse hat sich mit Antisemitismus mit islamischem oder islamistischem Hintergrund in Deutschland beschäftigt. Demnach ist die Zahl solcher Vorfälle vergleichsweise niedrig; allerdings gebe es dabei öfter Gewalt.

Die Analyse legte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) am Mittwoch vor. Demnach stiegen die Zahlen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 stark. Rias dokumentiert auch Vorkommnisse, die nicht als Straftaten gelten.

Die Analyse unterscheidet zwischen Fällen mit „religiös-kulturellem“ (islamisch) und „explizit politisch-ideologischem“ (islamistisch) Hintergrund. Nicht immer sei eine eindeutige Zuordnung zu einer der beiden Kategorien möglich.

Antisemitismus beschränke sich nicht auf islamistische Milieus, sondern finde sich auch in der politischen Mitte von Musliminnen und Muslimen, so die Analyse. Zwischen 2019 und 2025 registrierten Rias-Meldestellen demnach 564 antisemitische Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund bei insgesamt über 30.000 Meldungen. Es wird zusätzlich von einem „erheblichen Dunkelfeld“ ausgegangen.

„Allerdings waren 15,1 Prozent der Vorfälle Bedrohungen, Angriffe oder Fälle extremer Gewalt“, hieß es. Der Anteil solcher Vorfälle sei mehr als doppelt so hoch wie bei der Gesamtzahl an Vorfällen (6,1 Prozent). Knapp 80 Prozent der 564 Fälle seien seit dem 7. Oktober 2023 erfasst worden; und es dominiere auf Israel bezogener Antisemitismus. Dabei sei der 7. Oktober gar nicht unbedingt die Ursache für eine Zunahme von antisemitischen Einstellungen und Handlungen, sondern vielmehr eine „Möglichkeit der Artikulation von Antisemitismus“.

Auch im Alltag treffe Antisemitismus mit islamischem oder islamistischem Hintergrund Jüdinnen und Juden. So seien etwa 2024 in Frankfurt am Main zwei Kippaträger öffentlich antisemitisch angegangen worden. Eine Person, die eingeschritten sei, sei mit den Worten bedroht worden, Allah werde sie töten.

Antisemitismus müsse als „wesentlicher Bestandteil islamistischer Mobilisierung“ benannt und bekämpft werden, fordert Rias-Bundesgeschäftsführer Benjamin Steinitz. Nötig seien sowohl rechtsstaatliche Mittel als auch Präventionsangebote. „Zudem darf islamistischen Akteuren keine Legitimation verschafft werden, indem diese als demokratische Partner von Staat oder Zivilgesellschaft behandelt werden.“

Steinitz betonte zugleich: „Die Auseinandersetzung mit Islamismus darf nicht rechtsextremen Akteuren und ihrer muslimfeindlichen Agenda überlassen werden.“ Studienautorin Sarah Demmrich erklärte, dass Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen ein ernstzunehmendes Problem auch jenseits islamistischer Milieus sei.

„Umso wichtiger ist es, dass Staat und Zivilgesellschaft demokratische Strukturen sowie eine offene, nichtfundamentalistische Religiosität in Moscheegemeinden stärken und das Vertrauen in öffentliche Institutionen wie Polizei und Justiz fördern“, erklärte Demmrich.

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