Liebe Leserinnen und Leser,
der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen ist heute wichtiger denn je. Während weltweit verschiedene Initiativen den Austausch und das gegenseitige Verständnis fördern, stehen diese Bemühungen auch vor Herausforderungen: Kriege, politische Spannungen und gesellschaftliche Polarisierung erschweren oft den direkten Dialog. Dennoch zeigen zahlreiche Begegnungen, dass das Interesse an einem friedlichen Miteinander groß ist. Ein schönes Beispiel dafür ist, dass in diesem Jahr die Fastenzeiten der Christen und Muslime sich wieder überschnitten haben, sodass das Fasten erneut gemeinsam – wenn auch in anderer Form – begangen wurde. Die geteilten Werte und religiösen Praktiken fördern die Annäherung und den interreligiösen Dialog, insbesondere durch die gelebte Gastfreundschaft der muslimischen Gemeinschaften, die regelmäßig zum interreligiösen Fastenbrechen einladen.
Auch auf vatikanischer Ebene gibt es Entwicklungen: Das Dikasterium für den Interreligiösen Dialog hat einen neuen Leiter erhalten: Kardinal George Jacob Koovakad. Er behält seine bisherige Aufgab e als Koordinator der päpstlichen Pastoralreisen. Mit dieser Personalentscheidung unterstreicht Papst Franziskus, dass der interreligiöse Dialog eine zentrale Bedeutung sowohl für sein Pontifikat
als auch für die Zukunft der Kirche hat.
Die interreligiösen Beziehungen stehen niemals still – sie entwickeln sich, manchmal leise, manchmal mit
großer Symbolkraft. In dieser Ausgabe der CIBEDO-Beiträge dokumentieren wir ein bemerkenswertes Abkommen aus dem Vereinigten Königreich: Rabbiner und Imame verschiedener Strömungen haben sich in einem einjährigen Prozess und nochmals intensiv im Drumlanrig-Castle ausgetauscht und dabei festgestellt, dass ihre Gemeinden vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Aus dieser Erkenntnis entstand ein Abkommen, das einen Rahmen für Versöhnung, Verständigung und Solidarität zwischen ihren Gemeinschaften schaffen soll. Die deutsche Übersetzung dieses historischen Dokuments finden Sie in dieser Ausgabe.
Auch international bleibt der interreligiöse Dialog ein zentrales Thema wissenschaftlicher Studien. Anna Hager widmet sich den komplexen Verflechtungen von Christen und Muslimen im Nahen Osten und untersucht, wie gemeinsame Rituale als sozialer Kitt fungieren können. Doch gerade diese Formen von gelebter Reziprozität werden durch islamistische Bewegungen herausgefordert – jüngst sichtbar in Syrien. Diesmal trifft es die Gemeinschaft der Alawiten.
Einen direkten Einblick in die dortige Situation bietet Erzbischof Julian Yacoub Mourad, der selbst in Geiselhaft des sogenannten „Islamischen Staates“ war. In seinem Statement auf der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz sprach er über die Lage der Christen vor Ort, seine interreligiösen Erfahrungen im Kloster Dair Mār Mūsā al-Ḥabašī und Perspektiven für den Wiederaufbau
Syriens. Seine Ausführungen sind in dieser Ausgabe dokumentiert.
Ein weiteres Beispiel gelebten Christseins unter und mit Muslimen ist das Leben von Christophe Lebreton in Algerien. Sein bewegendes Zeugnis wird von Anne Kort‑Bleckmann beleuchtet und zeigt eindrucksvoll, wie christlich-muslimische Beziehungen nicht nur eine theologische, sondern auch eine ganz persönliche Dimension haben.
Wir laden Sie ein, sich mit diesen Perspektiven auseinanderzusetzen und neue Impulse für den interreligiösen Dialog mitzunehmen. Viel Freude bei der Lektüre!
Ihr Timo Güzelmansur
Inhalt
Studien
Christlich-islamische Beziehungen in den Nachwirkungen des Arabischen Frühlings jenseits der Polemik über „die Unschuld der Muslime“. Die Bedeutung von Ritualen in den christlich-muslimischen Beziehungen des Nahen Ostens
Anna Hager
Christophe Lebreton – Aufbruch zum Dialog
Anne Korte-Bleckmann
Angst und Hoffnung: Zur Lage der Christen zwischen Damaskus und Bagdad
Julian Yacoub Mourad
Dokumentation
Auszüge aus der Ansprache von Papst Franziskus an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Korps
Vatikanstadt, 9. Januar 2025
Ein Rahmen für Versöhnung, Verständigung und Solidarität. Muslimisch-jüdisches Versöhnungsabkommen
London, 11. Februar 2025
Botschaft zum Ramadan und ‘Id al-Fitr des Dikasteriums für den interreligiösen Dialog
Vatikanstadt, 4. Februar 2025
Grußbotschaft des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zum muslimischen Fastenmonat Ramadan 2025
Bonn, 28. Februar 2025
Grußbotschaft der EKD‑Ratsvorsitzenden zum Fastenmonat Ramadan 2025
Hannover, 27. Februar 2025
Rede des Bundespräsidenten Frank‑Walter Steinmeier bei einem Besuch der Wilmersdorfer Moschee zu ihrem 100-jährigen Bestehen und Teilnahme am Fastenbrechen im Ramadan
Berlin, 12. März 2025
Berichte
Religiöse Diversität Intersektional. Herausforderungen für die Lehrkräftebildung. Interdisziplinäre Tagung im Liborianum, 15.–16. Oktober 2024
Gülbahar Erdem
Religiöses Personal islamischer Gemeinden in Deutschland – Stand und Perspektiven der Ausbildung. Fachtagung der Deutschen Islam Konferenz und Handreichung, Nürnberg, 18.–19. November 2024
Robin Flack
Interreligiöser Dialog in Konflikten – mission impossible? Bericht zur Tagung der Interreligiösen Arbeitsstelle INTR°A, Melanchthon‑Akademie in Köln, Dezember 2024
Mathias Schneider und Achim Riggert
Buchbesprechungen
Chbib, Raida/Matuschik, Julius: Moin und Salam. Muslimisches Leben in Deutschland
Sebastian Prinz
Engin, Havva/Pfister, Lukas: Judentum und Islam im Kontext von Religionsgeschichte, Glaubenspraxis und aktueller Beziehungen. Handreichung für die schulisch-pädagogische Praxis. Historische Einordnung und
Einführung in zentrale Begrifflichkeiten
Doru Constantin Doroftei
Sellmann, Matthias/Steffen, Martin/Jochim, Michael/Rehrmann, Dieter (Hg.): Hat die Rede von Gott noch Zukunft? 1 Frage – 111 Antworten
Michael A. Schmiedel
Literaturhinweise
Zeitschriftenschau